Parabeln als Formen bildhaften Denkens

Zum Zusammenhang von Lehre und Adressaten, Klarheit der Bildrede und Anzahl der Vergleichspunkte

Für mich entsteht das „Problem“ der Parabel oder ihres Verständnisses in dem Moment, wo die Parabeln Literatur werden; in einer alltäglichen Situation ist bildhafte Rede für einen normalen Menschen ohne Weiteres verständlich. Erst wenn die Lebens- oder Sprechsituation als bildhaft erhellender Kontext verschwindet, wenn Parabeln also Literatur werden, ist so etwas wie Deutung nötig; das sieht man klar an den Bildreden Jesu, die ohne Bezug zum Leben ihrer ersten Hörer für die Christen heilige Texte und damit deutungsanfällig geworden sind.

1. Eine Parabel kann als eine Form bildhafter Rede (docet et delectat, movet) verstanden werden. Ein Sprecher nutzt ihre hohe Eindeutigkeit (klare Konstraste) und Plausibilität, um in der durch die Erzählung erzeugten Distanz von der realen Situation die Zustimmung des Hörers zu gewinnen (zu seinem Verständnis der konkreten Situation; oder zu seinem Vorschlag, wie zu handeln ist).
2. Wenn ihr eine Deutung beigegeben wird, wird die Zustimmung zur Erzählung ausdrücklich auf die reale Situation übertragen. Eine Deutung kann allenfalls bei starker Verfremdung des Bildes angebracht sein (Nathans Geschichte, die er David erzählt).
3. Sie ist früher im täglichen Leben verwendet worden, wie v.a. Jesu Erzählungen (vielleicht literarisch stilisiert?) zeigen. In der Situation ist eine Bildrede klar, da jeder im Bild, also im „Anderen“, das gemeinte „Gleiche“ erkennt (versteht).
4. Eine Parabel läuft normalerweise wie ein Gleichnis (Erzählung eines alltäglichen Geschehens) auf einen Punkt hinaus; wenn viele Vergleichspunkte bestehen, liegt eine Allegorie vor (so in der Deutung Mk 4,13 ff.!).
5. Um die in der Überschrift genannten Zusammenhänge aufzuzeigen, untersuchen wir die Parabel vom verlorenen Sohn (Luk 15,11 ff.): Wenn man sich mit Lukas Pharisäer, also „Gegner“ Jesu als Hörer denkt, verteidigt Jesus seinen liberalen Umgang mit „Sündern“: Er beriefe sich auf das richtige Handeln des Vaters, während die Adressaten sich im älteren Bruder wiederfänden. Wenn man dagegen „die Sünder“ als Adressaten denkt, riefe Jesus sie zur Umkehr auf; sie fänden sich im verlorenen Sohn wieder, dessen Handeln belohnt wird, während ihre Bedenken vom älteren Bruder ausgesprochen und sogleich widerlegt würden.
6. Wenn Parabeln Literatur werden, haben sie weder eine klar umrissene Leserschaft noch einen Bezug auf eine bestimmte Situation. Der frühere „Erzähler“ differenziert sich in den Autor des Textes und den im Text präsenten Erzähler, der „Adressat“ in die impliziten Hörer und die faktischen Leser. Autor und Leser sind bestenfalls in einer diffusen Zeitgenossenschaft miteinander verbunden. Aus dem Text selbst gibt es folgende Anleitungen zum Verständnis:
– aus dem „Thema“ der Erzählung und dem Verlauf des Geschehens, also der Differenz von Anfangs- und Endzustand;
– aus offenen Wertungen des Erzählers (s. Ebner-Eschenbach; Anders);
– aus den Konnotationen der Wörter (indirekte Wertung, s. Pestalozzi);
– aus verborgenen Wertungen, wenn Positionen von Figuren durch die Erzählung selbst widerlegt werden (die zweite Gruppe der Andorraner bei M. Frisch);
– aus verborgenen Wertungen, wenn eine Erzählerposition durch das erzählte Geschehen vom Leser als widerlegt angesehen werden muß (Kunert: Bericht);
– durch eine „Erklärung“ der Erzählers bzw. Autors (s. Max Frisch).
Auch die Position des Autors kann Hinweise auf die Bedeutung geben (Unterstellung: Brecht schreibt als Kommunist.). Zur Praxis des Verstehens verweise ich auf meine Analyse der „Erzählungen“, v.a. Ebner-Eschenbach, Fabeln, Hebel, Pestalozzi (bei bloghof.net).

Es steht aber sicher ein Spielraum des Verstehens offen, den der jeweilige Leser („ich“) füllt, indem er den Text als Verweis auf seine Welt versteht:

——-Bezug der Parabel als „Bild“ auf
——-a) ganz bestimmte Situation (früher: praktisch); oder
——-b) Welt im Allgemeinen oder typische Situation (heute: literarisch);

Sprecher ist ——————————————Hörer
a) Individuum mit ganz ————————–a) wird belehrt: Individuum
bestimmter ——————————————–in einer bestimmten
Absicht; ————————————————-Situation;

——————-T E X T ——————-(Ist eine Deutung
——————-explizit vorhanden? Warum?
——————-Passt sie zum Text?)

b) literarische Figur, —————————–b) sind unbekannte Leser,
in unbestimmter „Nähe“ ———————— die die Lektüre genießen
zum Autor; situations- ————————– und den Text irgendwie
unabhängig; ohne direk- ————————auf ihre Welt beziehen
ten Kontakt zum Leser. ————————–und ihn so deuten.

——————–Voraussetzungen:
——————–Kenntnis der Form[en] bildhaften Sprechens und
——————–von vielen Parabeln

P.S. Ich will die Struktur des Schemas doch kurz hier erläutern.

Das Schema besteht im Prinzip aus zwei Achsen. Die erste geht horizontal, sozusagen von links nach rechts (wie wir darzustellen pflegen): Sprecher – TEXT – Hörer. Das besagt, dass der Sprecher sich durch den Text an einen Hörer wendet und bei ihm etwas erreichen will; das ist sozusagen die pragmatische Achse oder in der Sprache Bühlers die Achse des Appells. Nun hat es im Lauf der Zeit auf dieser Achse mindestens eine wichtige Differenzierung gegeben: Früher sprach ein normaler Mensch (etwa Nathan) zu einem anderen (etwa David) und erzählte ihm eben besagte Parabel, den Text, um ihn zur Einsicht zu bringen. Als die Parabel Literatur wurde, wandelte sich der reale Mensch zum Autor, der neben sich den fiktiven Erzähler hat. Am anderen Ende stehen als reale „Hörer“ die unbekannten Leser, während der Erzähler sich an einen impliziten „Hörer“ wendet (und über ihn dann die realen Leser erreicht).

Die zweite Achse ist die senkrechte Achse: In ihr bezieht sich der Text auf eine gemeinte (besprochene) Situation, also ein Stück Welt; er selbst steht auf dem Fundament der Sprache, die hier „Voraussetzungen“ heißt. Dazu gehören natürlich das Material und die Regeln der Sprache, auch die Formen des Erzählens, vermutlich auch die gemeinsame Anerkennung moralischer Standards (die natürlich in der „realen“ Welt vermittelt werden!). Diese Achse könnte man die semantische Achse nennen.

Und der Text bildet den Schnittpunkt dieser beiden Achsen – nicht als ob Sprecher und Hörer und Sprache nicht auch zur Welt gehörten… Die Differenzierung in Achsen und Pole dient lediglich dazu, ein Raster zu entwickeln, das uns beim Verstehen einer Parabel systematisch helfen oder anleiten soll. Dieses Schema sähe also etwa wie eine Raute aus, die ich hier aber leider nicht „zeichen“ kann, weil der verdammte Editor hier nicht hergibt, dass man Text in der Zeile einrückt.

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One thought on “Parabeln als Formen bildhaften Denkens

  1. Pingback: Pestalozzi: Die Fressordnung im Hühnerstalle – Analyse | norberto42

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