Organonmodell Karl Bühlers

Karl Bühler hat dieses Modell 1934 in einem Buch vorgestellt; seine Ideen – wie bei den meisten Forschern, die in die USA emigriert waren – wurden in Deutschland erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt. Er weist übrigens darauf hin, dass er sein Modell bereits 1918 in seinem Buch über den Satz entwickelt hat. Ich deute hier nur kurz die Verhältnisse an, die Feinheiten kann man bei wikipedia unter http://web9.gotodoc.com/wiki/index.php/Kommunikationstheorie nachschlagen. Ich begnüge mich damit, eine Art Skizze anzufertigen und die Leistungen des Modells zu würdigen:

…………….Gegenstände/Sachverhalte……………….

………………Z : (das Schallphänomen, die Äußerung)

Sender ————————————————–> Empfänger

Z dient der Darstellung von Gegenständen und Sachverhalten, dem Ausdruckdes Inneren des Senders und dem Appell an den den Empfänger; 1918 hatte er von Darstellung, Kundgabe und Auslösung gesprochen. „Auslösung“ ist etwas allgemeiner als „Appell“; es geht um die persönliche Botschaft an den Empfänger, die ja auch Bitte, Versprechen usw. sein kann.
Man darf sich nun nicht von der Logik der Zeichnung, also des Schemas verwirren lassen, wenn man das Modell verstehen will. Ich zeichne eine Hilfslinie ein (…..), um die Beziehung zu der von Watzlawick formulierten Dualität von „Sachebene / Beziehungsebene“ herzustellen.Die Sachebene ist der pure sachliche Inhalt einer Äußerung (oberhalb der Hilfslinie); die Beziehungsebene bilden die Aspekte, welche dabei den Sender und den Empfänger (Sprecher und Hörer) als Personen betreffen (unterhalb der Hilfslinie); man spricht auch von der semantischen / pragmatischen Untersuchung einer Äußerung. Die letztere wird in ihren Feinheiten von der Sprechakt-Theorie weitergeführt, vgl.etwa http://de.wikipedia.org/wiki/Sprechakt.
Schulz von Thun hat Bühlers Modell etwas weitergeführt, indem er zusätzlich die Beziehung der beiden Personen als eigene Größe einführt; dies scheint mir aber einer Logik zu entsprechen, der gemäß alle Pferde acht Beine haben: zwei vorne, zwei hinten, außerdem zwei rechts und zwei links; denn die Beziehung ist ja nichts, was außerhalb des Ausdrucks des Sprechers auf den Hörer hin und des Appells an den Hörer bestände – es sei denn, man unterschiede etwa zwischen der Beziehung aufgrund der sozialen Positionen und der aktuell verwirklichten Beziehung. Das wäre eine Betrachtungsweise, die sich der im Folgenden angemahnten annäherte.

Ein Mangel des Modells besteht darin, dass hier (wie auch bei Schulz von Thun?) die Situierung einer Äußerung im situativen Kontext nicht erfasst wird; einfacher gesagt, dass eine Äußerung meist die Antwort auf eine (in derSituation) vorhergehende Äußerung ist (und gerade das sprachliche Handeln des jeweiligen Sprechers, der ja zuvor der Hörer war, als „Antwort“ erfolgt!). Bei jeder sorgfältigen Gesprächsanalyse (Figurenrede im Drama, im Film usw.) stößt man darauf, dass eine Äußerung nur 1. als Antwort und 2. in einer bestimmten „Situation“, die wiederum aus einer vorhergehenden zustande gekommen ist, zu verstehen ist. – Dieser Einsicht wird man gerecht, wenn man in einer Gesprächsanalyse von der Situation ausgeht, in der die Figuren zu Beginn sich befinden (Vorgeschichte, Verhältnis); dann beachtet, wer das Gespräch herbeigeführt hat; außerdem untersucht, welche Wendungen das Gespräch bzw. die Sprecher machen – kurz alles das beachtet, was im AB „Figurenrede im Drama“ (in „Studio D“) aufgelistet ist.
Ich sympathisiere noch mit dem alten Kommunikations-Modell aus den Richtlinien Deutsch (NRW) von 1973; das beruhte auf dem Bühlerschen Modell, erweiterte es aber um eine senkrechte Achse, die man so zeichnen kann (einzeichnen sollte – ich kann das hier nicht machen):

………………..Gegenstände/Sachverhalte

Sprecher                        Z(eichen)                           Hörer
(das Schallphänomen,
die Äußerung)

………………sprachliche Seite der Äußerung

Wenn man nun Sprecher / Hörer auf der Höhe von Schallphänomen Z links und rechts postiert, bekommt man eine Raute mit einer waagrechten (pragmatischen) und einer senkrechten (semantisch-sprachlichen) Achse. Unter die sprachliche Seite kann man die Regeln der (deutschen)Sprache, die Eigenart der Textsorte, die Eigentümlichkeit der jeweiligen Äußerung u.a. fassen.

Nachtrag zu Schulz von Thun: Wollte man wirklich mit der Beziehung als einer eigenständigen Größe ernstmachen, müsste man untersuchen:
– Sprechers Sicht der Beziehungsrollen (normal),
– Sprechers Sicht der Beziehungsrollen (faktisch-momentan),
– analog beides für den Hörer,
– Hörers Sicht von Sprechers Sicht der Beziehungsrollen usw.,
– analog beides für den Sprecher,
und so iteriert die Untersuchung, mündet in einigen Doktorarbeiten und führt zur Installierung einiger akademischer Oberräte. Oder zu Deutsch: Man kann auch alles übertreiben, begnügen wir uns im Alltag mit Pferden mit vier Beinen!

Ein Blick über den Zaun sei empfohlen: http://www.stiftikus.de/kommunik.htm

Ich möchte auch auf meinen Artikel „Kommunikation , Kommunikationsmodelle – Anmerkungen, Links“ hier in dieser Kategorie „Sprechen – Kommunikation“ hinweisen.

Am Beispiel sei erklärt, worin die Grenzen des Organonmodells bestehen:
Als Vater neige ich dazu, auch noch meinen erwachsenen Kindern gelegentlich gute Ratschläge und Mahnungen zu geben, was diese eher aufregt; in der Familie ist dafür das Wort „christiliere“ geläufig (aufdringlich belehren).
Nun weiß ich als Vater selber, dass diese Ratschläge sachlich eigentlich überflüssig sind und auch nichts nützen; trotzdem… Mein Versuch, diese Angewohnheit zu verstehen, läuft im Organonmodell darauf hinaus, sie als Ausdruck meiner Sorge um die Kinder zu verstehen, weniger als Appell oder Ermahnung.
Wie aber nehmen die Kinder sie auf? Sie können sich gegängelt oder bevormundet fühlen – die tatsächliche Wirkung meiner ‚Ermahnungen‘ muss also nicht mit meiner Absicht oder dem Ausdruck meiner Sorge entsprechen.
Hier sieht man, dass das Organonmodell nur das sprachliche Handeln des Sprechers erfasst (und auch das nicht einmal ganz, wenn man bewusste Absicht und unterbewusste Bestrebungen unterscheiden will); es müsste durch eine Untersuchung, wie die Äußerung vom Hörer verstanden oder aufgenommen wird, was sie also bei diesem bewirkt, ergänzt werden: Ein Hörer-Modell der Kommunikation müsste das Organonmodell ergänzen. Teilweise wird die Differenz von Absicht und tatsächlicher Wirkung in der Theorie der Sprechakte (bei der Untersuchung ihres Gelingens) erfasst.
(Diesen Nachtrag widme ich meinen beiden Töchtern.)

Es sei also auch Roman Jakobsons Kommunikationsmodell erwähnt, genannt, was auch immer (21. Mai 09)!

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