Lesen, Lesetraining

1. allgemein: Arbeitstechnik Sachtexte lesen
In Auseinandersetzung mit dem berühmten „Deutschbuch“ von Cornelsen (neue Auflage, Kl. 5, S. 269-271) habe ich versucht, in die etwas wirren Vorschläge eine praktikable Ordnung zu bringen und sie so zu erweitern, dass sie der gängigen Theorie und der Praxis standhalten. Ich richte mich damit an die Schüler der Sekundarstufe I; den Kleinen wird man es vielleicht etwas einfacher sagen müssen?
Hier wird versucht zu erklären, wie du schrittweise vorgehen sollst, wenn du Sachtexte erfassen willst (oder sollst).
1. Schritt: Beachte die Aufgabenstellung, wenn ein Lehrer oder ein Buch sie dir vorgibt, genau! Was sollst du tun?
Wenn es keine Aufgabenstellung gibt, beginnst du sofort mit dem
2. Schritt: Schau dir an, was alles zum Rahmen des Textes gehört: der Autor, die Überschrift, das Medium (Zeitschrift? Lehrbuch? usw.), die erste Veröffentlichung; das kann dir später weiterhelfen.
3. Schritt: Lies den Text in Ruhe durch! Markiere dabei Wörter und Dinge, die du nicht kennst, durch einen Punkt oder ein ? am Rand.
4. Schritt, eventuell noch mit dem 3. verbunden: Kläre das, was du nicht aus dem Zusammenhang verstehst, indem du es nachschlägst (oder im Unterricht den Lehrer fragst) und dir notierst.
5. Schritt: Versuche, den Text als ganzen zu verstehen: Welche Frage behandelt der Autor in diesem Text? Und wie lautet seine Antwort? (jeweils ein Satz!)
6. Schritt: Überlege, was für eine Textsorte du vor dir hast (Text zur Belehrung? zur Unterhaltung?) und wie der Autor vorwiegend spricht: sachlich oder persönlich, neutral oder polemisch? Will er etwas berichten oder beschreiben? etwas erklären? etwas bewerten? dich zu etwas auffordern?
7. Schritt: Prüfe dieses Gesamtverständnis in der zweiten (und notfalls auch in einer dritten und vierten) Lektüre: Markiere (gelb) die Schlüsselwörter in eigenen Texten (oder auf Arbeitsblättern) oder schreibe die Schlüsselwörter heraus!
Nutze hierzu auch fett oder kursiv gedruckte Wörter und Wendungen; bei Zeitschriftenartikeln den Untertitel; beachte aber nicht das, was nur dazu dient, die Aufmerksamkeit möglicher Leser zu gewinnen! Zwei Tipps:
Markiere möglichst wenig (höchstens einen Satz pro Absatz)!
Manchen Lesern hilft es, wenn sie eine Überschrift pro Absatz formulieren.
8. Schritt: Fasse die Ergebnisse deiner Untersuchung zusammen! (Hast du auch die Aufgabenstellung beachtet?)
Lege dir eine Liste an, vielleicht in vier Feldern (hergestellt durch eine senkrechte und eine quer gezogene Linie, also durch ein Kreuz):

a) die Angaben zum Titel, zum Autor, dem Medium usw.

b) das Thema; die Frage und die Antwort;

c) die Textsorte und das Hauptziel des Autors;

d) die wichtigsten Stichwörter oder Einzelheiten des Textes.

Einschränkung: Wenn der Gedankengang nicht geradlinig durchgezogen wird, sondern eine Bewegung macht (gar dialektisch vom Autor geführt wird), versagt unser Schema!

Vereinfachte Version (Klasse 5): Arbeitstechnik: Sachtexte lesen
Hier wird versucht zu erklären, wie du schrittweise vorgehen sollst, wenn du Sachtexte verstehen willst.
1. Schritt: Schau dir an, was alles zum Rahmen des Textes gehört:
der Autor, die Überschrift, das Medium (Zeitschrift? Lehrbuch?), Bilder oder Tabellen; du bekommst einen ersten Eindruck.
2. Schritt: Lies den Text einmal in Ruhe durch!
Markiere dabei Wörter und Dinge, die du nicht kennst, durch einen Punkt oder ein ? am Rand.
Kläre das, was du nicht aus dem Zusammenhang verstehst, indem du es nachschlägst (oder im Unterricht den Lehrer fragst) und das Ergebnis notierst.
3. Schritt: Versuche, den Text als ganzen zu verstehen:
Welche Frage behandelt der Autor in diesem Text? Und wie lautet seine Antwort? (Halte das in jeweils einem Satz fest!)
Beachte auch, wie der Autor vorwiegend spricht: Will er etwas berichten oder beschreiben? etwas erklären? etwas bewerten? dich zu etwas auffordern?
4. Schritt: Prüfe dieses Gesamtverständnis in der zweiten (und notfalls auch in einer dritten) Lektüre:
Markiere (gelb) die Schlüsselwörter in eigenen Texten (oder auf Arbeitsblättern), schreibe die Schlüsselwörter heraus! Achte hierbei auf fett oder kursiv gedruckte Wörter und Wendungen; manchen Lesern hilft es, wenn sie eine Überschrift pro Absatz formulieren.
5. Schritt: Fasse die Ergebnisse deiner Untersuchung kurz zusammen!
Und was natürlich klar sein sollte: Beachte immer auch die Aufgabenstellung des Lehrbuches oder des Lehrers!

2. Unterrichtsreihe in Kl. 7: Sachtexte lesen
Sachtexte zu verstehen kann trainiert werden. Dass es gemacht werden muss, hat uns PISA gezeigt. Aber wie kann man das machen? Ich berichte hier, wie ich es in Klasse 7 des Gymnasiums trainiere; weitere Hinweise findet man unter dem Stichwort „Analyse theoretischer Texte“.

Das erste Augenmerk soll dem gelten, was grafisch hervorgehoben ist, was also unmittelbar ins Auge fällt:
– die Überschrift,
– die Zwischenüberschriften,
– eventuell eine grafisch markierte Zusammenfassung,
– Einsatz verschiedener Schrifttypen: normal, fett, kursiv,
– Markierung durch Sperrung oder Unterstreichung;
es ist aber zu beachten, dass in Zeitungen und Zeitschriften die Überschrift oft dazu dient, Aufmerksamkeit zu wecken, und dass erst der Untertitel korrekt sagt, worum es geht. Ein Beispiel aus DIE ZEIT (Nr. 13/2003):
Wenn Leistung einsam macht
Deutsche Schüler in der Zwickmühle: Je besser die Note, desto größer die Angst, als Streber diffamiert zu werden

Ist das Thema klar, sei es durch die Überschrift oder ein Anlesen des Textes, dann stellt sich eine Erwartung ein, in der die kommende Darstellung weithin vorweggenommen wird, falls man sachkundig ist. So ist beim Thema „Vesuvausbruch“ mit Darstellung der geologischen Vorgänge bei einem Vulkanausbruch zu rechnen (Erdbeben, Asche, Magmaströme usw.), vielleicht auch mit der Bedeutung solcher Vorgänge für die Menschen: Angst, Not, Tränen, Tote… Eine Ordnung ergibt sich aus der bekannten Abfolge der Vorgänge.
Ordnung ergibt sich auch dann, wenn es um die Darstellung eines Lebensbereichs geht, dessen Gegenstände wir begrifflich-hierarchisch ordnen (Begriffspyramiden: Instumente / Musikinstrumente und andere / Blasinstrumente und andere / Flöte, Klarinette, Saxophon, Horn usw. (vgl. unten: Thema-Rhema).
Für die Darstellung eines Themas sind folgende „Gesetze“ erkennbar:
1. Der Sprecher wechselt die Wörter, sowohl um der Abwechslung wie um der Genauigkeit willen; man muss sich also in Wortfeldern auskennen (exemplarisch üben, v.a. das Wortfeld des Sprechens: fragen, bitten, erwidern…, also Sprechakte benennen; stottern, flüstern, schreien…, also Weisen des Sprechens.
2. Der Sprecher entwickelt sein Thema schrittweise; die Schritte markiert er in Absätzen; das neue Thema (und sein Zusammenhang mit dem alten) wird zu Beginn des Absatzes eingeführt. Jedem Absatz kann normalerweise ein thematisches Stichwort zugeordnet werden. – Man spricht von der Thema-Rhema-Struktur.
3. Die Thema-Rhema-Struktur ist von Fragen bestimmt, die ein interessierter Leser oder Hörer stellen könnte.
Über das Rauchen
Wer raucht eigentlich?
Warum rauchen Menschen überhaupt?
Welche kurzfristigen Folgen hat das Rauchen?
Welche langfristigen Folgen (Gesundheitsschäden) hat es?
Wie kann man vom Rauchen loskommen?
Solche Fragenkataloge ergeben Schemata, die wir auch bei anderen Themen verwenden: Über das Trinken; Über das Joggen; Über das…
4. Jedes Sprechen (auch Erzählen) ist ein schrittweise erfolgendes Bestimmen; etwas bestimmen heißt Alternativen ausschließen. Beispiel:
Sie
erregen / nicht: haben, kommen…
mal wieder / nicht: erstmals; in diesem Jahr…
Aufsehen / nicht: Ärgernis; Sorgen…
und / nicht: oder; weil…
beschäftigen / nicht:…
die Gemüter / nicht:…
Aus diesem Grund ist es wichtig, auf die Existenz vieler bestimmter oder unbestimmter Antonyme aufmerksam zu machen und das Gespür für solche zu trainieren. Ein hilfreiches kleines Wörterbuch ist das von Christiane und Erhard Agricola: Wörter und Gegenwörter (Dudenverlag).

Die Prinzipien des Verstehens leiten dazu an, den Text als Einheit zu erfassen, die in sich strukturiert ist. Die Einheit kann als thematisches Stichwort oder nach dem Prinzip von Frage/Antwort benannt werden; die Struktur bzw. Abfolge der „Aussagen“ kann ebenfalls thematisch oder als Abfolge von Fragen bestimmt werden.
Zeitungen leben davon, dass die Leser bei der Stange bleiben; deshalb sind Zeitungsartikel in der Regel „anders“ geschrieben. Sie enthalten also Beispiele und andere Elemente, die sich dieser strengen Ordnung nicht fügen. Über die Möglichkeit, solche Texte, vor allem: darin vorliegende Argumentation zu erfassen, muss gesondert nachgedacht werden.

Lesetraining – Übungsdiktat

1 Bereits in der Klasse 6 haben wir uns mit dem Vorlesen befasst. Jetzt geht es darum, zwei Leistungen zu verbessern: das Wichtige beim Lesen richtig und schnell zu erfassen; beide Leistungen hängen zusammen, weil es um bewusstes Lesen geht.
2 Man kann das Wichtige richtig und zügig erfassen, wenn man sozu-sagen im Voraus weiß, worum es geht. Das scheint kaum möglich zu sein, ist es aber doch: Bereits in der Überschrift wird meistens das Thema genannt oder angedeutet.
3 Wenn die Überschrift „Der Ausbruch des Vesuv“ heißt und der Vesuv als Vulkan bekannt ist, können wir etwa das Folgende erwarten: Lavaströme, Aschenregen, Feuer, Erdstöße; Schäden, Unglück, Schrecken, Leiden, Tote.
4 Die beiden Sinnbereiche „Vulkanausbruch als geologischer Vorgang“ und als „Katastrophe für die Menschen“ bestimmen also, was man nach dieser Überschrift erwarten kann; eine solche Erwartung hat jeder Leser, der sachkundig ist.
5 Wörter aus dem gleichen Wortfeld können einander abwechseln oder sich wiederholen: schreien, brüllen, stöhnen; sie können aber auch im Sinn einer Steigerung verbunden sein oder in ihr Gegenteil umschlagen (schreien, wimmern, verstummen).
6 Auch Oberbegriffe markieren einen kleinen Lebensbereich: Geschirr – Tassen, Teller, Töpfe… Das Gleiche gilt für normale Vorgänge: In der Nacht kühlt die Luft ab; ein Luftzug bringt Erfrischung; wenn es heiß ist, schwitzt man.
7 Einen Sachtext versteht man erst ganz, wenn man erkennt, welche Frage vom Autor beantwortet werden soll: Wie funktioniert eine Warmwasserheizung? Welche Krankheiten werden durch das Rauchen hervorgerufen?
8 Texte sind normalerweise durch Absätze gegliedert; in jedem Absatz wird ein neuer Aspekt behandelt. Meistens wird zu Beginn eines Absatzes gesagt, welcher neue Gesichtspunkt jetzt behandelt werden soll; Wichtiges wird oft grafisch markiert.
9 So könnte man beim Thema „Rauchen“ die schlimmen und die harmloseren Krankheiten behandeln; man kann aber auch von den Stoffen, die im Rauch enthalten sind, ausgehen und erklären, welche Krankheiten sie hervorrufen.
10 Solche Erklärungsschemata sind verbreitet; je erfahrener du als Leser bist, desto leichter wirst du das Schema erkennen. Denke nur daran, wie die Versuchsbeschreibungen in Biologie und Physik einander gleichen!
11 Du kannst zur Probe einmal Schemata entwerfen: Worauf muss ich achten, wenn ich Haustiere halte? Welche Probleme beschert uns der übermäßige Fernsehkonsum? Wie koche ich…? Wie spiele ich…?

P.S. Man beachte auch, was Professor Hans Lösener „hörendes Lesen“ nennt (http://www.loesener.de/loesener4-3.htmhttp://www.loesener.de/uebungen/index.htmhttp://www.uni-koeln.de/sdk/vortragloesener20090123.pdf), sowie das Plädoyer http://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/2b-dtsc-t-01/user_files/weissenburger/Dateien/Seminardateien/Paefgen_-_Textnahes_Lesen.pdf!

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