Klanggestalt, Satzmelodie, Intonation und Prosodie

Intonation und Prosodie werden im Wesentlichen synonym gebraucht; sie bezeichnen die lautlichen Qualitäten einer Äußerung (eines Satzes). Früher war die Kenntnis dieser Faktoren eine Frage persönlicher Kompetenz, heute sind sie Gegenstand der Forschung. So hatte der Duden „Grammatik“ in der 4. Auflage (1984) das Kapitel „Die Klanggestalt des Satzes“; es fehlte in der 6. Auflage (zugunsten eines Kapitels über den Text); in der 7. Auflage (2005) steht wieder ein allerdings schwer lesbares Kapitel über Intonation, die nur unter dem Aspekt der Tonhöheneigenschaft analysiert wird. In der Schule bzw. den Schulgrammatiken fehlt das Thema beinahe ganz; der Schülerduden Grammatik widmet ihm in der 4. Auflage einen Abschnitt, nämlich [13]. Walter Jung: Grammatik der deutschen Sprache, 10. Auflage 1990, hat das Kapitel „Satzakzentuierung und Intonation“ (S. 150-164); die „Grundzüge einer deutschen Grammatik“ (Berlin 1980) haben als Kap. 6: „Phonologie: Intonation“ (S. 839 ff.), mit den Phänomenen: Hebung/Senkung der Stimme, Gliederung (Pausen), Rhythmus, Betonung.

Für das Verständnis sprachlicher Äußerungen in der Schule scheint es mir auf der Hand zu liegen, dass die sprachliche „Realisierung“, also das Erproben der Möglichkeit, Äußerungen zu sprechen, den Vorzug vor jeder Art von nichtsprachlicher Darstellung in Standbildern und ähnlichen Versuchen verdient. In der Realisierung probiert man, was sich sprachlich vertreten lässt: was sich wie anhört; erst wenn man das verstanden hat, kann man zusätzlich ein Standbild bauen. Die Hilflosigkeit von Schülern, mit ihrer Stimme Äußerungen zu realisieren, ist im Allgemeinen so groß [vgl. diese Seite eines Kollegen!], dass die netten Standbilder zu bauen mir wie eine Flucht vor der Aufarbeitung sprachlicher Inkompetenz erscheint. – Zumindest bei der Analyse von Gedichten habe ich gefordert, dass man das Gedicht als sinnvolles Klanggebilde verstehen muss, und habe dem „Rhythmus des Gedichtes“ analytische Aufmerksamkeit geschenkt.

[GULP zur Standbild-Frage:
Das stetig zunehmende Interesse an Körpersprache ist leider oft einseitig gefärbt: Man glaubt, anhand eines bestimmten körpersprachlichen Signals sein Gegenüber zu durchschauen. Jeder kennt diese allgemeinen Interpretationen:

Arme verschränkt = Verschlossenheit und Ablehnung;
An der Nase reibend = Zweifel hegend;
Beine übereinandergeschlagen beim Sitzen = Verspannung usw..

Das jedoch ist naiv und eindimensional – eine solche Betrachtungsweise vernachlässigt die wichtigen Zusammenhänge zwischen Körpersprache und der jeweiligen Situation, in der sie auftritt, die Beziehung der beiden Kommunikationspartner zueinander sowie die Bedeutung der sie begleitenden gesprochenen Sprache.
Körpersprache ist nur in Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen zu verstehen.]

Unter den Stichworten ‚Intonation, Satzmelodie, Prosodie‘ habe ich am 15. April 08 bei google folgende Links gefunden:
http://www.uni-koeln.de/phil-fak/phonetik/Lehre/koVo/koVoAkt/05-06/5078/Skript-Intonation.pdf
http://www.logox.de/support/manual/logox4speechtagsintonation.htm
http://semanticsarchive.net/Archive/jI0OTk3O/buring.ids2005.pdf
http://cornelia.siteware.ch/phonetik/ (Links phonet. Themen, 2005)
http://books.google.de/books?id=KRX48hwNCboC&pg=PA84&lpg=PA84&dq=Intonation+Satz
http://www.eleasoftware.com/voltrova/mv_Phonetik.htm (Phonetik und Phonologie in der dt. Sprache)
http://www.germsem.uni-kiel.de/hundt/material/2007-sose/VL5_GRAMEINFSATZ.ppt
http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/03/betonung
http://www.spz.tu-darmstadt.de/projekt_ejournal/jg-12-2/docs/Graffmann.pdf
www.mpg.de/pdf/jahrbuch_2002/jahrbuch2002_043_054.pdf (wie wir Sprache verstehen: Hirnforschung)
http://www.uni-erfurt.de/sprachwissenschaft/personal/lehmann/ling/lg_system/phon/15_Prosodie.html
deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=968327915& dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=968327915.pdf (prosod. Fokus: eine Diss)

http://www.zas.gwz-berlin.de/pr/lndw2003/ZASTonMusik.pdf ((Beispiele)
An der Uni Kiel gibt es ein eigenes Institut für diese Fragen; zur Klangform des Gedichts habe ich einen Aufsatz geschrieben.

Nachtrag nach dem in den vier Kommentaren geführten Gespräch mit Christian:
Zur Frage, wie man die Bedeutung eines Satzes ermittelt, schreibt Wilhelm Schmidt (Grundfragen der deutschen Grammatik, 4. A. 1973, S. 313/15, über die Mitteilungsperspektive des Sprechenden):
„In der Verbindung des Bekannten mit dem Neuen besteht eigentlich das Wesen jeder sprachlichen Kommunikation. (…)
Der Kennzeichnung des Bekannten und des Neuen dienen schon die Satzbaupläne. (…)
Das andere entscheidende Mittel zur Geltendmachung der Mitteilungsperktive ist die Intonation.“ [bei Schmidt gesperrt]
W. Admoni: Der deutsche Sprachbau, 4. Aul. 1980, S. 217, zählt Stimmführung und Betonung zu den sieben syntaktischen Formmitteln: „Die Stimmführung ist das universalste Mittel, die Abgeschlossenheit des Satzes zum Ausdruck zu bringen (…). Die Intonation dient auch dazu, die Satzarten vom Standpunkt ihrer kommunikativen Aufgabe aus zu differenzieren. (…) Die Betonung wird auch zu dem Zwecke verwendet, die Glieder des Satzes, die logisch und emotional besonders wichtig sind, hervorzuheben.“
Auf dem Boden der Kenntnis von Sprache kann man deshalb sagen, dass beim Textverstehen der Gedanke einer vorsprachlichen Ermittlung der „Haltung“ einer Person völlig abwegig ist – die Haltung ist eine Hilfskonstruktion, welche es dem Lehrer bzw. Schülern ermöglicht, durch Vermutungen eine Textbedeutung zu konstruieren, wobei auf ein methodisch geleitetes Verstehen von Text verzichtet wird. Erst nach dem Sprechen, also nach der Erprobung sinnvoller Intonation kann die so intonierte Äußerung auch körperlich veranschaulicht werden.
Christian hat nun Scheller zitiert, der ausdrücklich von sprachlich weniger kompetenten Schülern gesprochen hat; darauf antworte ich Zweierlei: a) Diese Schüler sollen sich eine Verfilmung oder die Aufzeichnung einer Aufführung von Dramen anschauen und danach selber Standbilder bauen; bei anderen Textsorten wird es schwieriger. b) Als gymnasialer Pauker, der ich bis in die Knochen bin oder war, kann ich auf primär sprachliche (!) Methoden des Verstehens nicht verzichten – meine Schüler sollten immerhin studierfähig werden, also auch komplexe Texte lesen und schreiben können.
[Zur Problematik von ‚Haltung‘ vgl. meine Ausführungen zu ‚Motiv‚!]

Viele Kollegen, die am Gymnasium Deutsch unterrichten, sind aber nicht in der Lage, die Schüler zu einem methodisch sauberen sprachlichen Verständnis von Texten anzuleiten, siehe die Kommentare von Schülern zu meinen Aufsätzen über die Inhaltsangabe (Schreiben: Aufsatz) und die Methode der Gedichtanalyse (Methodisches). Damit – das sei ausdrücklich vermerkt – ist hier nicht Christian gemeint, den ich ja nicht kenne, sondern es sind Kollegen gemeint, die ich (manchmal allzu gut) kenne. Ich kenne eine charmante Kollegin, die den Schülern in Klasse 5 beigebracht hat: Die Stellung der Satzglieder im Deutschen ist S-P-O (ehrlich, ich habe das selbst im Regelheft der Schüler gelesen, welches sie bei der Kollegin angelegt hatten!). Und wenn man solche Schüler als Nachfolger charmanter Kolleginnen übernimmt, hat man als Lehrer ein Problem…

Ein kleiner Fund:
Karl von Lyncker, 1780/84 Page am Weimarer Hof, berichtet in seinen Erinnerungen vom Superintendenten Herder: „Er hielt seine Predigten ohne irgend eine Bewegung der Hände. Allein seine wohltönende Aussprache und seine große Kunst der Betonung gaben ihnen volles Leben und Wirksamkeit.“ (N. Oellers – R. Steegers: Treffpunkt Weimar, Stuttgart 1999, S.49 – übrigens ein fabelhaftes Buch, das man wie einen Roman herunterliest)

Neues P. S.
Am 3. Januar 2009 habe ich im Stadttheater Mönchengladbach „Dantons Tod“ gesehen. St. Just hatte ich mir zuvor als einen wilden Revolutionär vorgestellt; in MG trug er seine große Rede (II 7) im Stil eines Geistlichen vor, der erbaulich mit pastoralem Tonfall das Morden rechtfertigt – dazu passte dann eine ruhige, nichtssagende Körperhaltung. Das primäre Ausdrucksmittel war zweifellos die Stimme, der Tonfall.

Unter den Stichworten ‚Attribution Mimik‘ findet man:

http://www.psychostudium.de/forumdateien/Attachments/bea_sozial.pdf (Skript)

http://de.scribd.com/doc/26806746/Weltsprache-Mimik-FINDING-NEMO

http://www.jochen-fahrenberg.de/uploads/media/Differentielle_Psychologie_und_Persoenlichkeitsforschung.pdf (sehr differenziert)

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