Fragen und Fragesätze

Fangen wir mit den beiden Einsichten in der „Grundzüge einer deutschen Grammatik“ (GdG, 1981) des Autorenkollektivs unter K. E. Heidolph an. Es wird einmal von der Funktion des Fragens und dann von den Arten der Fragesätze gesprochen.
1. In den Äußerungen von Menschen drücken sich auch die Bedingungen der Kommunikationssituation aus. In GdG (1.3, §§ 31 ff.) ist hier von den Intentionen der Äußerung [aber nur Menschen können Intentionen haben!] die Rede: aussagen, auffordern, fragen, evtl. noch wünschen. GdG ist damit an dem klassischen Schema der drei (vier) Satzarten orientiert.
„Die Spezifikation einer Äußerung als Frage entspricht der Operation, den Kenntnisbestand nach überprüften Abbildern abzusuchen, die das vorliegende Sachverhaltsabbild entweder bestätigen oder widerlegen oder das vorliegende Abbild zu komplettieren erlauben. In Gestalt der Frage wird diese Operation dem Hörer übertragen. Die Antwort ist lediglich der Abschluß der Operation.“
Von den echten Fragen werden die rhetorischen Fragen und die rhetorischen Ergänzungsfragen unterschieden; ferner wird auf Fragen verwiesen, die als Aufforderungen fungieren können. (§ 43)
Auch Ausrufesätze können Fragecharakter haben:
(1) Wo der Junge nur wieder steckt!
2. Bei den Arten der Fragesätze (5.2.3 – eigentlich Arten von Fragen!) werden aufgezählt:
Entscheidungsfragesätze
Alternativfragesätze
Vergewisserungsfragesätze
Ergänzungsfragesätze
* Die Ausführungen sind an der materialistischen Abbild-Theorie orientiert und operieren mit entsprechenden Operationen.

Ulrich Engel: Deutsche Grammatik (1988) behandelt das Thema unter den Sprechakten (T 40 ff.).
Frage: Der Sprecher möchte den Partner zu einer Mitteilung veranlassen mit dem Ziel, dadurch sein eigenes Wissen zu erweitern.
Engel unterscheidet dann sechs Fragearten:
Entscheidungsfrage [-> ja/nein]
Sachfrage [Frage nach einzelnen Satzgliedern]
Alternativfrage
Gegenfrage [zur Bestätigung, dass der Hörer die Frage richtig verstanden hat]
Rückfrage [zur Prüfung, ob er eine vorherigen Äußerung richtig verstanden hat]
Kontaktsignal [Der Sprecher will sich der Zustimmung, des Verstehens oder der Aufmerksamkeit des Hörers versichern.]

In Bertelsmanns „Grammatik der deutschen Sprache“ (1999) unterscheidet Lutz Götze verschiedene Arten von Fragesätzen (S. 382 ff.):
Entscheidungsfragesätze
Vergewisserungsfragesätze
Ergänzungsfragesätze
Rhetorische Fragesätze
Zu den rhetorischen Fragen sagt er:
– Sie sind nicht als Frage gemeint, sondern sollen die eigene Aussage verstärken oder bitten um die Zustimmung des Partners.
– Der Form nach sind sie Entscheidungs- oder Ergänzungsfragen.
– Wesentlich sind verschiedene Merkmale:
* Modalpartikeln
* Negationspartikel „nicht“
* Konjunktiv II plus „nicht“
* rhetorische Formeln („Wer weiß schon…“ u.a.)
* Verbkonstruktionen (sich wundern…)
– Bei manchen „unechten“ rhetorischen Fragen glaubt der Sprecher die Antwort nicht zu kennen.

H. Weinrich: Textgrammatik der deutschen Sprache (1993) behandelt die Fragen unter der Syntax des Dialogs (8.3 Frage und Antwort).
Weinrich setzt beim Dialog als Faktum an, bei dem Informationen ausgetauscht werden, sodass es zu einem Ausgleich des Informationsstandes kommt. Dieser Ausgleich kann dadurch befördert werden, dass einer auf eine Inforamtionslücke aufmerksam macht und um Füllung dieser Lücke bittet.
– Frage und Antwort sind paarige Äußerungen.
– Dialog mit ungleichem Informationsstand
– Ohne Vorinformation kann man keine Fragen stellen.
– Allen Fragen eignet das semantische Merkmal <LÜCKE>.
Ferner weist er darauf hin,
dass Fragen auch nichtsprachlich beantwortet werden können,
dass die Intonation zur Markierung der Frage wichtig ist,
dass die Antwort auch unvollständig sein kann.
Er äußert sich breit über Geltungs- und Fokusfragen (Ergänzungsfragen); was er zu den rhetorischen Fragen sagt, ist unbefriedigend.

J. Heringer: Grammatik und Stil, 1989, unterscheidet Fragen „nach ihrer inhaltlichen Leistung“ (S. 259 f.):
– geschlossene Fragen (ja/nein)
– offene Fragen (wer, wo…)
– rhetorische Fragen
– Tendenzfragen legen eine bestimmte Antwort nahe.
– Vergewisserungsfragen erheischen eine Bestätigung.
– Prüfungsfragen sind keine echten Fragen.
– Abwehrende Fragen stellen eine (Nicht-)Aufforderung dar.
[Wenn man Heringers sieben Sorten überblickt, sieht man, dass hier Aspekte der Form und der „Intention“ vermengt sind.]

Überblickt man diese Ausführungen in den Grammatiken, merkt man, dass das wissenschaftliche und philosophische Fragen hier überhaupt nicht erfasst wird. Auch die Bedeutung von Frage und Antwort für die Konstruktion von (belehrenden) Sachtexten wird nicht wirklich erfasst: Diese wären nach den vorliegenden Äußerungen als Monologe zu verstehen, in denen zum Schein eine Frage gestellt wird.
Ich denke jedoch, dass das Fragen oder die Frage eines Autors auch die Fragen der Hörer oder Leser aktivieren will und dass so eine Art Kommunikation stattfindet: Fragen eröffnet mit der LÜCKE einen Horizont des Wissbaren, des Verstehbaren und lädt ein, auf diesen Horizont zuzugehen.

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