Bildhaftes Sprechen (Beispiel Steffen: Elsa; Benn: Einsamer nie)

Am Beispiel des Gedichtes „Elsa“ von Ernst S. Steffen möchte ich zeigen, was man eigentlich leisten muss, wenn man bildhaftes Sprechen wirklich verstehen (und erklären) will, z.B. in einer Gedichtanalyse:

„Sie war gerade sechzehn geworden,
Man sah es ihr noch an.
In ihrem Busen schlummerten Torten
Und Schweinchen aus Marzipan.

Sie hatte so große Puppenaugen 5
In ihrem kleinen Gesicht
Und blickte dich an mit diesen Augen
Und fand doch die Liebe nicht.

In ihrem Seelchen wuchsen Mimosen,
Die hatte der Pastor gepflanzt 10
Und in ihr Herzchen einen zu großen
Paulusbrief zur Firmung gestanzt. (…)“

In V. 3 f. spricht der Ich-Erzähler bei der Beschreibung Elsas bildhaft von ihr; damit ist eine Bedingung des Verstehens gegeben: Man hat bemerkt, dass bildhaft gesprochen wird.
Rein technisch ist es dann möglich, dieses Bild als Metapher zu benennen; denn hier werden Bezeichnungen aus dem Konditorwesen benutzt, um das Innere eines Menschen zu charakterisieren; das zu sehen ist eine kleine germanistische Leistung (etwa Note 4), aber noch keine Leistung des Verstehens.
Was heißt das nun, dass Torten und Marzipanschweinchen in ihrem Busen schlummerten? Heißt es, dass sie ein süßes Mädchen war, weil ja von Süßwaren die Rede ist? Oder gar, dass sie einen süßen Busen hatte? Oder einen in der Form von Schweinchen und Torten? Das ist natürlich ein großer Quatsch, aber wieso? Es gibt einige Prinzipien des Verstehens, die man hier anwenden kann oder muss:
1. die Forderung, den Kontext zu beachten, also das Bild aus dem Kontext zu verstehen. Das ergibt in diesem Fall:
a) V 3 f. ist die Fortsetzung von V. 1 f.; dort stellt der Sprecher fest, wie jung Elsa noch war. Nehmen wir V. 3 f. als Fortsetzung: Weil grammatisch kein Zusammenhang der beiden Äußerungen hergestellt wird, dürfen wir die zweite als sinngleich oder -ähnlich der ersten lesen. Torten und Marzipanschweinchen stehen dann für das Naschwerk, das das Kind mag, was noch in Elsa „lebt“, eben schlummert.
b) Im Hinblick auf die 3. Strophe wird man „Busen“ analog dem Herzchen und Seelchen Elsas als ihr Inneres, nicht als sekundäres Geschlechtsmerkmal ansehen.
2. die Methode, in einer Ersatzprobe die Bedeutung zu bestimmen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten:
a) In einer normalen Ersatzprobe tauscht man die zu verstehende Wendung durch eine (dem Sprachgefühl nach) gleichbedeutende Wendung aus: Aus ihrem Busen waren Torten und Marzipan noch nicht verschwunden; sie ruhten noch darin.
b) Durch Suche nach einem Antonym (Gegenwort) sucht man das „Wort“ (onoma) zu erfassen: Das Gegenteil wäre vielleicht, dass Torten und Schweinchen munter sich darin tummelten (also noch quicklebendig wären); oder dass von ihnen keine Spur mehr zu sehen wäre.
Ohne diesen Schritt der semantischen Erschließung ist eine bildhafte Wendung nicht verstanden! Dieser Schritt muss zumindest in seinem Ergebnis ebenso wie der Begriff des Bildes ausgesprochen werden.
Der letzte Schritt des Verstehens wird getan, wenn man mitbekommt, was der Sprecher tut, wenn er in diesem Bild von Elsa spricht (pragmatische Analyse). Dazu kann man hier sagen, dass er einmal sie als „klein“ charakterisiert, dass er sie damit auch ein bisschen abwertet; denn später erzählt er, dass er mit Elsa geschlafen hat, sie also wie eine Frau behandelt hat (Prinzip: Kontext beachten) – aber dass sie im Grunde doch noch in der Welt der Torten und Marzipanschweinchen lebte, also ein Kind war.
Um diese pragmatische Betrachtung, die zu begreifen Schülern so schwer fällt, an einem anderen Beispiel vorzuführen: Wenn der Pastor ihr einen zu großen Paulusbrief in ihr kleines Herz „gestanzt“ hat, dann hat er dabei (seelische) Gewalt angewendet; damit macht der Ich-Erzähler dem Pastor einen Vorwurf, dass jener die Kindlichkeit der Firmlinge ausgenutzt hat.
Wenn man diese Überlegungen versteht, sieht man, was für ein Quatsch die normalen Schülerkommentare zu bildhaften Wendungen sind:
(1) „Der Sprecher macht durch bildhafte Wendungen das Gedicht interessanter.“
(2) „Durch die Bilder erreicht der Sprecher, dass wir uns das Geschehen besser vorstellen können.“
Beides ist ein großer Quark – bitte, vergesst solche Sprüche; sie bezeugen nur, dass der Schreiber die Bedeutung der Bilder nicht erklären will oder kann.
(Vgl. auch den Aufsatz vom 13. Juni 2006 zu Weinrich: Semantik der Metapher,
und den Aufsatz: Bildhaftes Sprechen – Formen und Eigenart, 3. Januar 2006, in dieser Kategorie „Lesen: Texte“!)

Noch ein Beispiel: Benn: Einsamer nie – (1936): zum Verständnis der sprachlichen Bilder
Zunächst sind „Erfüllungsstunde“, „Brände“, „Sieg und Siegsbeweise“ sowie „Gegenglück“ etwas schwer zu verstehen.
Falsch wäre es, diese Wendungen einzeln zu nehmen und zu fragen: „Was können ‚Brände‘ sein?“ Dann kommt man auf Sonnenuntergang, Waldbrand, Weinbrand… oder irgendwas mit „-brand“.
Richtig dagegen ist es, diese Wendungen in ihrem Zusammenhang und in der Struktur der Äußerung verortet zu sehen:

1. Ein lyrisches Ich beschreibt, was es im August „im Gelände“ (Natur, Welt) wahrnimmt. Wichtig ist, dass Erfüllungsstunde im August ist: Was erfüllt sich in der der Natur im August? „September“ geht auf späte Ernte und Herbst zu, „August“ ist Sommerhitze und Ernte – Ernte ist Erfüllung des Lebenszyklus der Pflanze, des Arbeitszyklus des Bauern. Rote und goldene Brände können am ehesten rot und gelb leuchtende Sommerfrüchte sein. [Methode: die „Brände“ von ‚August +Gelände +Erfüllung‘ her verstehen: im Zusammenhang sehen!]  Über die Augusthitze und „Lust“ deutet „Brände“ auch schon auf die Liebessymbolik in der 3. Strophe hin: Die Liebe ist bekanntlich heiß, das Denken kalt.

2. In dieser Situation fühlt das Ich sich einsam, einsamer als sonst, und fragt: Wo ist deiner Gärten Lust? „Gärten“ greift als Metapher „Gelände“ auf, „Lust“ steht gegen die Erfüllung dort (und verweist schon auf die 3. Strophe und das Liebesglück vor) – das Ich fragt nach etwas, was ihm im Vergleich mit dem Natur- und Weltgeschehen fehlt (unter dem Stichwort „Lust“ -> Ergebnis: Einsamkeit).
In der 2. Strophe das gleiche Bild: Gegen die Wahrnehmung der erfüllten Welt fragt das Ich nach „Sieg und Siegsbeweise“ in dem von ihm vertretenen Reich. „Reich“ ist der eigene Bereich, der dem August-Gelände entgegensteht; „Sieg und Siegsbeweise“ [hatte ich zuerst nicht verstanden!] sind als Metaphern aus der Metapher „Reich“ herausgesponnen („-beweise“ greift auf das „sich beweisen“, die innere Rechtfertigung aus dem Erfolg, vor!). Im Gelände gibt es Erfüllung – im eigenen Reich müsste es demgemäß Siege und Siegsbeweise geben, „aber wo?“ fragt das Ich. Sie fehlen, das Ich leidet, es ist einsam.
In der 3. Strophe haben wir wieder die beiden Gegenwelten, aber diesmal nicht in einer Frage, sondern als kontrastierende Welten verbunden: alles – du; sich durch Glück (Tausch, Wein, Rausch) beweisen – dem Geist dienen [= Gegenglück erleben, sich im Gegenglück beweisen].

3. Das Ich nimmt also die umgebende, im Lebensvollzug erfüllte Welt wahr,
nimmt sich als Wesen wahr, dem solches mangelt,
fragt leidend nach dem Glück des eigenen Lebensvollzugs (= reflektiert)
und findet dieses Glück im Dienst am Geist (Gegenglück),
womit es dann die gefühlte Einsamkeit, sein Leiden rechtfertigt und sich beweist.
(Gegengedicht wäre etwa: Bachmann, Ihr Worte)

4. Hintergrund ist die gängige Erfahrung des Intellektuellen, dass Denken und geistige Arbeit die einfachen Lebensvollzüge behindern, stören, und dass das rheinische Glück („suffe, poppe, Kaate kloppe“) dem Geistesarbeiter weithin verwehrt ist, weil der die Kraft für seine Tüftelei aus der Sublimierung vitatler Antriebe schöpft.
Will man als Lehrer den Schülern das Verstehen erleichtern, sollte man sie auf Ludwig Klages: Der Geist als Widersacher der Seele, oder Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur, hinweisen (mit kurzer Inhaltsangabe – zu Benns Zeiten kannte man die Bücher).
Vermutung, Benn habe daran gelitten, dass er nicht in der SA mitmarschieren durfte und deshalb „einsam“ war, sind abwegig und entstammen der vom Lehrer  gestellten Aufgabe, Bezüge zur Zeit herzustellen, ohne dass Schüler vom Leben Benns große Ahnung hätten (man kennt drei Daten und bastelt daran herum, damit sie zum Gedicht „passen“, resp. umgekehrt). Schüler sind mit einer solchen Aufgabenstellung überfordert, wenn man ihnen als Lehrer nicht Hilfestellung gibt.

Methodische Auswertung: Zusammenhänge statt „Wörter“
Bereich des wahrgenommenen „Geländes“: Gelände, Seen, Himmel, Äcker;
Bereich des Ichs: Gärten, Reich.
Erfüllung im Gelände: rote und goldene Brände; Helles, Weiches, Reines, leise Glänzendes, Glück, Tausch von Blicken und Ringen, Weingenuss, Rausch;
Erfüllung im Bereich des Ichs: „Lust“, „Sieg“, „Gegenglück“: dem Geist dienen.
In beiden Bereichen ist es so, dass sich der jeweilige Lebensvollzug „beweist“ (V. 9, in der Frage V. 7 mit Antwort in V. 12)
Die Lehrerfrage „An welchen Wörtern sieht man das?“ leitet in die Irre – an Wörtern sieht man gar nichts: Man muss Zusammenhänge sehen (und das meint der Lehrer auch mit seiner Frage, aber er vermittelt dem Schüler nicht, was er meint).
* Der Sachbereich von Natur und Erfüllung wird durch sogenannte Wortfelder abgedeckt, die eben einen Sach-Bereich abstecken (bezeichnen).
* Der Ich-Bereich wird durch Bilder abgedeckt, die metaphorisch aus dem Sachbereich abgeleitet sind, aber eben auch ein „Gelände“ abstecken (und deshalb zusammenhängend gesehen werden müssen).

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