Bildhafte Sprache: Unbestimmtheit, Abstraktion, Verstehen (Beispiel)

Wir haben in einem 11er-Kurs die Erzählung „Der friedliebende Mungo“ von James Thurber (75 Fabeln für Zeitgenossen, 1967, S. 138 f.; in Amerika 1940 erschienen) gelesen und uns gefragt, wie man die Erzählung verstehen kann und was das heißt: die Erzählung verstehen.
Die Tiere stehen für etwas, das war die erste Einsicht; man merkt gleich, dass es nicht um den Mungo geht: Mungos sprechen nicht, „Kobraland“ und Mungosia gibt es nicht – und wenn man annimmt, dass die Erzählung einen Sinn hat, dann muss es eben um etwas anderes gehen.
Das Zweite: Wir kennen solche Erzählungen und nennen sie „Fabeln“; wir kennen also eine Textsorte, in der es stets „um etwas anderes“ geht als das, was da „vordergründig“ erzählt wird.
Was auf der Ebene des Geschehens erzählt wird: dass da ein Mungo diffamiert wird, weil er gegen eine elementare Norm verstößt, dass über ihn Gerüchte sich ausbreiten und er schließlich in die Verbannung geschickt wird, so etwas kennen wir; das können wir mit eigenen ähnlichen Erfahrungen verbinden. – Wenn man über diese Einsicht nachdenkt, stößt man auf ein großes Problem: Was ist „ähnlich“? Erst indem ich etwas mit der Erzählung verbinden kann, erkenne ich es als ähnlich; Ähnlichkeit, das ist „wesentliche“ Gleichheit in der Ungleichheit und deshalb nur in einem geistigen Akt, aber nicht in einem Akt des puren Sehens erkennbar.
Problematisch waren folgende Vorschläge:
– die Moral mit der Erzählung verbinden; das ist problematisch, weil hier wie auch sonst bei Thurber die Formulierung der Moral oft witzig oder zugespitzt ist, aber nicht die Pointe treffen muss;
– die Entstehungszeit beachten; das ist hier nicht so relevant, weil eine Fabel ja gerade allgemein gilt und wir über die USA 1940 auch nicht so detailliert Bescheid wissen, aber die Erzählung trotzdem zu verstehen meinen; (außerdem wäre zu fragen, ob der Hintergrund USA-typisch oder ein spezielles Erlebnis war;)
– mit der Intention des Autors haben wir auch nicht als mit einer festen Größe außerhalb unseres Verstehens operiert; das Werk, die Erzählung steht für sich – eine Intention außerhalb des Textes ist nicht greifbar;
– für mich war die Frage interessant, auf welcher Ebene der Abstraktion man die Erzählung verstehen kann:
* Geht es um einen Pazifisten, der die Tradition des Kämpfens ablehnt?
* Geht es allgemeiner um jemanden, der das traditionelle Schwarz-Weiß-Denken und die ethnozentrische Hochschätzung der eigenen Wir-Gemeinschaft ablehnt?
* Geht es noch allgemeiner einfach um jemanden, der eine elementare Norm (Erwartung) im sozialen Verband zu befolgen sich weigert?
Zu dieser Frage hatte Kerstin eine interessante Idee: Was aus der Sicht des Individuums Pazifismus ein mag, kann aus der Sicht der Gemeinschaft die Weigerung sein, elementare Normen anzuerkennen; dennoch meine ich, wir als Leser könnten „entscheiden“, wie wir den Mungo sehen, spezieller oder allgemeiner – der Grad der zulässigen Abstraktion ist aus dem Text nicht zu ersehen.

Frage: Was nützen uns diese Überlegungen für das Verständnis „normaler“ Erzählungen, die nicht Fabeln sind? Wann versteht man also etwas Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“?

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