Bestimmtes, Unbestimmtheit, Text

1. Einen Text hervorbringen heißt, Unbestimmtes näher zu bestimmen. Das möchte ich an zwei Beispielen vorführen:
(1) „Es war einmal eine alte Geiß,
die hatte sieben junge Geißlein (…).
Eines Tages wollte sie in den Wald gehen…“
Am Ende haben sie alle ein großes Abenteuer erlebt, sind gerettet worden und haben den Wolf getötet. Am zitierten Anfang des Märchens sieht man, wie die Situation schrittweise bestimmt wird. In einem Märchen kann allerdings unbestimmt bleiben, wann und wo das alles geschehen ist, wie die alte Geiß hieß, wie aussah usw.
(2) Wer einen Bericht verfasst, soll die sogenannten sechs W-Fragen beantworten, also Unbestimmtheit (offene Fragen) beseitigen:
„Benzinpreis auf neuem Rekordhoch
Die Ölkonzerne erhöhten am Montag die Preise um bis zu vier Cent pro Liter, so dass Superbenzin auf teilweise über 1,16 Euro geklettert ist. (…) Grund für die steigenden Preise ist laut Esso und Aral neben den schon seit Monaten hohen Rohölpreisen der sinkende Eurokurs gegenüber dem Dollar. Die Ölrechnungen der Lieferländer laufen auf Dollar.“ (Rheinische Post vom 27. April 2004)
Zeit, Ereignis, Begründung (Grund?) werden genannt; „die Ölkonzerne“ als Täter werden pauschal genannt und als bekannt vorausgesetzt, später teilweise benannt; Ort ist selbstverständlich Deutschland. – Einiges hiervon ergibt sich aus der Zeitungsausgabe (deutsche Zeitung vom 27.04.2004) selbst.

2. Aus Wörtern wird eine Äußerung oder ein Text, wenn sie nach bestimmten festen Regeln verbunden sind.
Die Fügung von Wörtern zu einem Satz „ist charakterisiert durch drei Arten von syntaktischen Beziehungen zwischen den sprachlichen Zeichen: Interdependenz (Zuordnung), Subordination (Unterordnung) und Koordination (Beiordnung oder Reihung)“ (Walter Jung: Grammatik der deutschen Sprache. 10., neubearbeitete Auflage 1990, S. 45; ich orientiere mich im Folgenden an dieser Grammatik):
a) Die gegenseitige Zuordnung betrifft
– die Vereinbarkeit der Bedeutungen der Wörter,
– die gegenseitige Anpassung der Form von Subjekt und finiter Verbform.
b) Eine Subordination (Unterordnung) besteht (in syntaktischen Verbindungen)
– zwischen dem Prädikat und den Objekten und Adverbialbestimmungen,
– zwischen dem Kern eines Satzglieds und den Attributen,
– zwischen Haupt- und Nebensatz bzw. Nebensätzen verschiedenen Abhängigkeitsgrades.
Die Wörter besitzen die Fähigkeit, sich nach festen Regeln mit anderen zu verbinden; man spricht hier von Fügungspotenz oder Valenz. Unter Valenz wird die Fähigkeit des Verbs verstanden, bestimmte Leerstellen im Satz zu eröffnen, zum Beispiel „geben“: Normal ist, dass gesagt werden muss, wer (Person) wem (Person) was (Ding) gibt; es können Angaben hinzugefügt werden, wann und wo, wie oder warum das geschieht. Wenn der Empfänger oder der Geber nicht genannt ist, empfindet man die Äußerung als unvollständig („Leerstelle“), es sei denn, in einer Situation wäre allen klar, wer etwas gibt und wer etwas bekommt.
Als Mittel, um  im Satz Beziehungen herzustellen, führt W. Jung auf:
– verschiedene Wortarten,
– die Flexion verschiedener Wortarten (Konjugation, Deklination),
– die Satzgliedstellung,
– Satzakzentuierung und Intonation,
– die Kongruenz (von Subjekt und Prädikat, von Attribut und Nomen, bei den Modi).
c) Die Koordination (Beiordnung, Reihung) kann
mit oder ohne Verbindungswörter (Konjunktionen) erfolgen.

3. Außer durch grammatische Determination und Verbindungen kann man Äußerungen beim Sprechen (Schreiben) zusätzlich formal strukturieren,
– indem man zum Beispiel darauf achtet, dass Wörter auch vom Klangbild her zueinander passen (Reim, verschiedene Formen);
– dass sie von der Abfolge der betonten Silben (Takt, Metrum) her eine gleichmäßige Folge ergeben;
– dass man versucht, nach bestimmten Regeln schön oder eindringlich zu sprechen (Rhetorik).
[Solche formale Strukturierung, also eine Überdetermination der Äußerung gegenüber dem „normalen“ Sprechen, liegt oft bei Gedichten vor.]

4. Die deutschen Gedichte bilden wie die meisten Texte ein weites Feld – es können in ihnen verschiedenste Formen der Bestimmtheit, Unbestimmtheit oder Überbestimmtheit miteinander verbunden sein. Gerade die in Gedichten häufig verwendete bildhafte Sprache weist von sich aus Spielräume der Bedeutung (Unbestimmtheit) auf. (Vgl. dazu diesen Aufsatz!)
Eine weitere Quelle von Unbestimmtheit, die von Starke nicht erwähnt wird, ist die Art, wie wir normale Wörter gebrauchen: Je nach dem Zusammenhang wechselt oder changiert ihre Bedeutung, sofern sie nicht als Termini definiert sind. Ein Blick ins Wörterbuch zeigt, welche Bedeutungsbreite ein Wort ungefähr haben kann (meistens ist die Bandbreite noch größer, als das Wörterbuch angibt!). Es muss im Einzelfall geprüft werden, welche Bedeutung gerade hier vorliegt (vorliegen kann).

5. Wie gehen wir mit Unbestimmtheiten im Text um?
Wo ein Äußerung unbestimmt ist, bestimmen wir (ich, du, jeder) als Hörer oder Leser beinahe automatisch die Stelle näher, indem wir stillschweigend die Leerstelle „füllen“; was wir dann hören oder lesen, „steht“ im strengen Sinn nicht da, sondern ist erst von uns hingestellt.
Wohin es führen kann, wenn man eine gegebene Unbestimmtheit beliebig beseitigt, also Leerstellen falsch füllt, zeigt der Märchenschwank „Dr. Allwissend“. Jener später vermeintlich allwissende Doktor, ein armer Bauer namens Krebs, sollte herausfinden, wer Geld gestohlen hat. Beim Essen bei dem Bestohlenen sagte er zu seiner Frau, als der erste Gang aufgetragen wurde: „Grete, das war der erste.“ Damit meinte er den ersten Gang des Essens. Der Bediente verstand den Satz jedoch so: „Das war der erste Dieb.“ Und da er wirklich zu den Dieben gehörte, fühlte er sich entlarvt… Man kann bei den Brüdern Grimm nachlesen, wie Herr Krebs aufgrund solcher Missverständnisse „allwissend“ wurde.
An diesem Beispiel kann man auch erkennen, nach welchen Kriterien man im Alltag Unbestimmtheit auflöst: aus den Gegebenheiten der Gesprächssituation, hier also aus der Situation bei Tisch. Hätte in unserem Beispiel der Bediente den Bauern fragen können, wen oder was er mit „der erste“ meinte? Das können wir zumindest bei einem Gedicht nicht, weil der Sprecher eben eine fiktive Gestalt ist und wir real Existierenden ihn nichts fragen können – selbst der Dichter kann deshalb nach meiner Erkenntnis nicht wirklich wissen, was der fiktive Sprecher meint, er kann es sich höchstens vorstellen, genauso wie wir.

Exkurs: Wer spricht im Gedicht unbestimmt?
Etwas unbestimmt zu lassen sollte in Gedichten primär als Leistungdes „Sprechers“, nicht als sogenanntes Stilmittel des Dichtersbegriffen werden (obwohl der das sicher oft bewusst so gemacht hat –aber er „erschafft“ ja eine fiktive sprechende Person!). So drückt etwaPrometheus in seiner hastigen Rede seine Erregung aus, er spricht infreien Rhythmen; bei der Analyse (suchen und) sagen wir jedoch: WelchenRhythmus hat Goethe im Gedicht „Prometheus“ verwendet? Man kann alsoauch untersuchen, in welchen Gedichten Goethe freie Rhythmen verwendet;aber „Prometheus“ muss man zunächst vom sprechenden Prometheus herverstehen, auch dessen freie Rhythmen.

Links zu Texttheorie / Einheit des Textes:
http://phil.muny.cz/data/NJII_275/Text%20und%20Satz.doc
http://www.lingue.uniba.it/dag/pagine/personale/sasse/sasse_lingua02_unit11.doc
http://www.slm.uni-hamburg.de/ifg1/Personal/Schroeder/Seminarmaterial/WS-06-07/Sem_II/II_Textlinguistik.pdf

 

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