Was heißt analysieren?

1. Analysieren heißt: ein Ganzes in Teile zerlegen, den einen Blick aufspalten und die Teile wieder zu einem Ganzen zusammensetzen. Die betrachteten Aspekte werden von mir, dem Leser, gewählt und bei der Darstellung im Hinblick auf das Verstehen meines Lesers geordnet. Analyse ist Rekonstruktion der Verstehensmöglichkeiten.
„Interpretieren“ bedeutet, ein Werk zur Entwicklung seines Autors, seines literarischen Motivs oder der Gesellschaft in Beziehung setzen.
2. Bei expositorischen Texten frage ich: Was tut der Autor
– im Hinblick darauf, wie er beim Leser sein Ziel erreicht, und
– wie bezieht er sich auf das Gespräch seiner Zeit über das Thema?
Die Eigenart der indirekten Kommunikation besteht darin, (a) dass der Autor seine Leser (Zuhörer…) nicht kennt, (b) dass Einweg-Kommunikation vorliegt: Die Leser können sich nicht zu Wort melden, der Autor kann nicht auf Wirkungen seines Textes (korrigierend) reagieren, (c) dass Kommunikation zeitversetzt erfolgt.
„Der Autor“ ist ein Kürzel – gemeint ist das, was von der Argumentation des Autors „sichtbar“ ist, mag es von ihm gewollt oder von „der Sprache“ hervorgebracht sein. Ich frage ausdrücklich nicht nach dem, was der Autor „in Wahrheit“ erreichen oder sagen will; „was er will“, müsste korrekt heißen: was er wollte, und zwar in der Zeit der Planung wie in der Zeit der Niederschrift, wobei nicht einmal feststeht, ob er immer eines (dasselbe) gewollt hat! Was er gewollt hat, müsste in biographisch-psychologischer Feinarbeit untersucht oder untermauert werden. Wir beschränken uns auf das, was im Werk als Wirkungspotential angelegt ist und sichtbar wird. Damit klammere ich gleichzeitig die Frage aus, was er de facto bei dem einzelnen Leser erreicht oder bewirkt. Das ist ebenfalls eine Frage der historischen Forschung (Rezeption). Dass „der Text“ eine relativ selbständige Größe ist, sieht man am „Werther“: Goethe hat nie eine Selbstmordwelle auslösen wollen, der (fiktionale) Text hat sie damals unter bestimmten Umständen ausgelöst.
Trotzdem spreche ich vom Autor, weil ich die dynamische Komponente berücksichtigen will, die wir in der Regel mit einem Subjekt verbinden; wenn man den Text als wirkmächtige Struktur versteht, könnte man genauso gut vom „Text“ statt vom Autor sprechen.
Das heißt dann auch, dass ich mich nicht auf „den Leser“ berufen kann – den gibt es nicht; greifbar bin i c h als derjenige, der den Text gelesen hat und das Bedeutungspotential untersucht. Andere Verständnisse kenne ich in der Regel nicht, oder ich berücksichtige sie, soweit sie mir bekannt sind.
3. Bei fiktionalen Texten ist der Fall noch komplizierter:
Autor – [ „Sprecher“ – „Hörer“ ] – Leser
Innerhalb des Textes (= Klammer) gibt es noch die Kommunikation zwischen dem Sprecher und seinem Hörer (Hörern), sei es dass Figuren miteinander sprechen (Drama), dass ein Ich sich an ein Du oder die Natur wendet (Lyrik) oder dass jemand einem genannten oder ungenannten Publikum etwas erzählt. Bei fiktionalen Texten frage ich:
– Was tut der Sprecher (im Text!) gegenüber seinem Hörer?
– Was tut der Autor dadurch gegenüber dem Leser/Zuschauer?
Für das textimmanente Verhältnis Sprecher-Hörer, mit dem wir uns in der Regel zunächst (mangels historischer Kompetenz und Arbeitszeit) beschäftigen, schlage ich als Teilfragen vor:
– Mit/Zu wem spricht der Sprecher? In welchem Verhältnis stehen sie?
– Worüber spricht er? (Thema; dessen Aspekte) Wir versuchen also, die fiktionale Gesprächssituation zu erfassen!
– Was ist die leitende Sprechweise (belehren, reflektieren usw.)? Wie handelt der Sprecher also in seinem Sprechen?
– Wie ist der Text aufgebaut? (Gibt es also einen Fortschritt beim Thema, einen Wechsel in der Sprechweise oder bei den Hörern)?
Wir versuchen hiermit, den Text als Einheit zu erfassen.
Danach kann man mehr auf die Einzelheiten oder Feinheiten achten:
– Auf welche Weise spricht er? (Tempo, Rhythmus, Satzform, Sprachebene, Bilderreichtum, Stimmung…)
– Wie wechseln die einzelnen Äußerungen?
4. Wenn die Sternseherin Lise im Gedicht von M. Claudius von den Lämmern spricht, kann man vermutlich die Metapher „Lämmer“ auf den göttlichen Hirten beziehen, weil diese Metapher um 1800 lebendig (Psalmengebet, private Bibellektüre, Kirchenlied: „Mein Hirt ist Gott, der Herr“) und Matthias Claudius ein frommer Mensch war, weil zudem im Kontext das Licht der Sterne, die unendliche Erfüllung, die „Herrlichkeit“ (zentrales Prädikat Gottes) und „der Sinn (der Welt, des Lebens)“ auftauchen. Das kann oder muss „man“ aus historischer Kenntnis verstehen; die Frage ist, ob und wie richtig jemand das Gedicht versteht, der es nicht weiß. – Wenn man so etwas nicht genau weiß, soll man vorsichtig sein und sagen: Mir fällt dazu ein…
5. Ich lese den Text; ich nehme probeweise die Position des Sprechers ein, „fühle“ mich ein; ich betrachte dessen sprachliches Tun von außen: analysiere; ich lese erneut… Es gibt hier wie bei jedem Verständnis den hermeneutischen Zirkel: vom erreichten Gesamtverständnis die einzelne Äußerung genauer verstehen, von dieser her wieder das Gesamtverständnis vertiefen.
6. Die Analyse (gegliedert) darzustellen kann man lernen: leitende Gesichtspunkte (des Sprechens, des Aufbaus usw.) suchen und ihnen die einzelnen Entdeckungen zuordnen (belegen!): Das muss man üben (die vier S: schauen, sammeln, sortieren, schreiben)! Außerdem bitte Einleitung und Schluss (indirekte Kommunikation mit dem Leser = Lehrer) nicht vergessen!
7. Analysieren heißt „besprechen“ im Sinn von Harald Weinrichs Unterscheidung „besprechen / erzählen“.

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