Textbegriff, Textlinguistik – Gedichte als Texte verstehen

Text
1. Definition
Ein Text ist eine komplex strukturierte, thematisch wie konzeptuell zusammenhängende sprachliche Einheit,
mit der ein Sprecher eine sprachliche Handlung mit erkennbarem kommunikativem Sinn vollzieht.
(A. Linke/M. Nussbaumer/P.R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 5. Aufl. 2004, S. 275)
Ingrid Schröder („Textlinguistik“) benennt dazu folgende textkonstitutive Elemente:
1. die Kommunikationssituation (mit Sprecher / Hörer; die Situation; der Handlungsbereich, in dem der Text eingesetzt wird; das Medium der Verbreitung);
2. die Textfunktion;
3. das Thema, die Themenstruktur und die thematische Entfaltung
4. die Kohärenz und die Kohäsion des Textes (sowie die Mittel, die herzustellen)
[die Kohärenz berührt sich mit dem Thema: der Zusammenhang in der Tiefe des Textes, und mit der Textfunktion].
2. Definition
Kommunikation erfolgt „in Äußerungen verschiedenster Größe, die in die Situation und den Kontext eingebettet und über die Satzgrenze hinaus verbunden sind. Wir nennen solche Äußerungen Texte.“
(Harro Gross: Einführung in die Linguistik, München 1998, S. 131)
Die Bezeichnung „Äußerung“ ist für uns hilfreich, weil sie nach dem sprachlichen Handeln des Sprechers fragen lässt und eine Strukturierung der Äußerung auch auf der Ebene des sprachlichen Handelns nahelegt.

Gedichte als Texte
Wenn man prüft, inwiefern man ein Gedicht in dem Sinn als Text verstehen kann, ergibt sich Folgendes:
1. Da Gedichte fiktionale Texte sind, gibt es bei ihnen keinen Handlungsbereich, eine Textfunktion nur mit Einschränkungen [Funktion für den Leser / Hörer].
2. Die Einbettung in einen Kontext ist problematisch – Kontexte werden vom Leser über die Äußerung hinaus hergestellt (die literarische Epoche, die Entstehungszeit, das Leben des Autors, der Gedichttypus).
3. Umso wichtiger ist es, die Äußerung, ihre Struktur und ihr Thema genau zu erfassen.
4. Ein Gedicht ist ein Text, das ein Klanggebilde ist: Die Äußerung wird auch durch gegebene Elemente des Klangs sowie durch den Rhythmus bestimmt; diese müssen zur gesamten Äußerung in Beziehung gesetzt und im Hören bzw. lauten Sprechen „verwirklicht“ werden.
Es gibt keine zwingende und narrensichere Methode, das Thema (die Kohärenz) sicher zu erfassen: „Keine Satzfolge ist davor geschützt, als Text verstanden zu werden.“ (A. Linke u.a.: Studienbuch Linguistik, 2004, S. 277) Umso sorgfältiger muss man die fiktive Kommunikationssituation, das sprachliche Handeln und die thematische Entfaltung und Strukturierung zu bestimmen suchen. Mit dieser Aufgabe befassen wir uns jetzt.

Wodurch wird der Zusammenhang (Kohäsion) auf der Oberfläche des Textes hergestellt?
1. Rein formal durch
– Prowörter, die auf andere Elemente verweisen (Pronomen; Proadverbien, z.B. dort, jetzt; Pronominaladverbien, z.B. womit, wobei);
– durch Konjunktionen;
– durch rückwärts oder vorwärts weisend Ausdrücke (daher, dies / folgende).
2. Die Kohäsion wird durch Übereinstimmung verschiedener Elemente in bestimmten semantischen Merkmalen hergestellt – dazu unten mehr.
3. Die pragmatische Fundierung entfällt bei fiktionalen Texten weithin.

Isotopie ist die Hauptform, wie ein Bedeutungszusammenhang zwischen  den Gliedern eines Textes hergestellt werden kann:
1. Bedeutungsgleichheit von Wendungen (bei wörtlicher Wiederholung);
2. Bedeutungsähnlichkeit (Synonymie: Auto / Wagen);
3. Über- und Unterordnung (Weide / Gehölz / Pflanze);
4. Nebenordnung unter einen Oberbegriff (Apfel, Birne, Pflaume / Obst);
5. Bedeutungsgegensatz (Antonymie: weltlich / heilig);
6. Umschreibung (Paraphrase: Sonnentau / fleischfressende Pflanze)
7. die bereits genannten Prowörter;
8. syntaktische Ellipsen (Prädikat fehlt, das aus dem oder einem vorigen Satz wird als gültig vorausgesetzt).
Im „Studienbuch Linguistik“ wird erklärt, dass die Idee der Isotopie in didaktischer Hinsicht einen guten Zugang zu literarischen Texten eröffnet, weil man so Texte bewusster betrachte; in linguistisch-wissenschaftlicher Hinsicht sei das Konzept problematisch, weil nicht hinreichend scharf.

Schließlich sind die Indikatoren zu nennen:
1. die Artikelformen (unbestimmter / bestimmter Artikel: Der bestimmte Artikel zeigt an, dass über diesen „Gegenstand“ bereits gesprochen worden ist oder dass er in der Situation als bekannt vorausgesetzt wird; so kann in fiktionalen Texten die Situation erst erzeugt werden.);
2. Tempora und Modi des Verbs – sie zeigen, wie der Sprecher Teile seiner Äußerung verstanden wissen will [ein großes Gebiet, auf das hier nur hingewiesen werden kann];
3. Varianten der Wortstellung im Satz, wodurch anzeigt wird, was als „das Neue“ (Rhema) eines Satzes zu verstehen ist;
4. die Intonation – sie muss im gedruckten Gedicht vom Leser hergestellt werden.

Vertextungstypen (Studienbuch Textlinguistik: „Vernetzungsmuster“, S. 269 ff.) und Konnektoren
Neben den durch Konjunktionen hergestellten bekannten Verbindungen (kausal, konditional, auch temporal usw.) sind zu nennen:
1. Spezifizierung: Fortschreiten vom Allgemeinen zum Besonderen;
2. Verallgemeinerung: Fortschreiten vom Besonderen zum allgemeinen;
3. Steigerung (Klimax).

Ingrid Schröder nennt noch verschiedene Arten der thematischen Entfaltung:
* deskriptiv: Teilthemen werden dargestellt und geordnet;
* narrativ: Es wird ein ungewöhnliches Ereignis erzählt, mit Auflösung, möglicherweise mit Bewertung und „Moral“;
* explikativ: Es wird etwas erklärt;
* argumentativ: Es werden Argumente vorgetragen.

Was hier noch nicht berücksichtigt ist, sind Möglichkeiten der Strukturierung eines Themas. „Studienbuch Linguistik“ erwähnt Hauptthema / Subthemen mit Nebenthemen;
ich schlage vor, diese Strukturierung unter dem Stichwort „Aufbau“, welcher eng an das sprachliche Handeln angebunden wird, zu erfassen. Dazu habe ich in diesem Blog einen Aufsatz geschrieben.

Das einzige sonst auftauchende Problem, das sich beim Gedicht nicht stellt, ist die Frage der Textabgrenzung: Das erste Wort und das letzte Wort sind die Grenzen; die Überschrift stammt vom Dichter (manchmal auch aus der Tradition, z.B. bei Goethe: Willkommen und Abschied, so der Titel 1810; „Willkomm“ hieß es 1789, die erste Fassung 1775 war ohne Titel, also ohne Überschrift).
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Das die Situation umgreifende gemeinsame Wissen
ist für jede Kommunikation erforderlich; bei fiktiven Gesprächspartnern muss man es mühsam ermitteln. Man kann hier darauf hinweisen, dass es die Kenntnis von frames (Situationen: was gehört zu einem normalen Bauernhof) und scripts (Handlungsabläufe: was man tut im Bad tut, ehe man zu Bett geht) gibt; dieses Wissen muss man auch beim Sprecher und Hörer voraussetzen – und dann darauf achten, wo vielleicht das normale Wissen unterlaufen oder gestört wird.
http://phil.muny.cz/data/NJII_275/Text%20und%20Satz.doc http://www.lingue.uniba.it/dag/pagine/personale/sasse/sasse_lingua02_unit11.doc
http://www.slm.uni-hamburg.de/ifg1/Personal/Schroeder/Seminarmaterial/WS-06-07/Sem_II/II_Textlinguistik.pdf
Frühere Aufsätze von mir:
http://norberto42.kulando.de/post/2008/11/08/ber-bestimmtes-und-unbestimmtes-gedichte-als-texte-verstehen
http://norberto42.kulando.de/post/2006/12/25/zuerst_den_aufbau_von_gedichten_untersuchen
http://norberto42.kulando.de/post/2007/11/16/text_-_thema_-_koharenz
Am 20. Okt. 2012 geprüfte Links:
http://www-user.uni-bremen.de/~schoenke/tlgl/tlgl.html (Glossar: ausführlich, E. Schoenke)
http://www.glottopedia.de/index.php/Textlinguistik
http://www.teachsam.de/deutsch/d_lingu/txtlin/txtlin_0.htm (Übersicht, „alles“ bietend, daher verwirrend)
http://www.uni-potsdam.de/u/slavistik/vc/rlmprcht/textling/skripte/skr_00.htm (Skripte, 2000)
http://www.huberoliver.de/archive/seminar03/papers.html (Proseminar 2003, papers)
http://hispanoteca.eu/Lexikon%20der%20Linguistik/t/TEXT%20%20%20Deutsche%20Zitate.htm (gute Übersicht, nach Brinker)
http://www.fask.uni-mainz.de/inst/iaspk/Linguistik/Textlinguistik/Textualitaet.html http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/semindex.html (Semantik und Pragmatik – gut!)
http://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.html (ausführlich)
http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/3163/pdf/Strukturelle_Semantik.pdf (Analyse, vorgeführt an einem Gedicht Benns: Orphische Zellen)

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