Rhetorische Figuren

Übersicht nach der Systematik von H. F. Plett (bzw. D. Liewerscheidt: Schlüssel zur Literatur, 1990)

1. Positionsfiguren (Vertauschung der üblichen Wortfolge):
Parallelismus, Chiasmus

2. Wiederholungsfiguren:
Wiederholung, Anapher, Epipher
Steigerung (Klimax), Pleonasmus, Alliteration

3. Erweiterungsfiguren:
Aufgliederung (Thema, Begriff), Selbstkorrektur
Vergleich (und Beispiel), Oxymoron
Antithese und Kontrast

4. Figuren der Kürzung (alle bitte kennen und anwenden!)
Ellipse
Aposiopese (Verschweigen des Wichtigen)
Zeugma

5. Appellfiguren:
rhetorische Frage, Aporie
Einschluß in der Anrede („wir“), Ausruf
Zugeständnis
Kontrast (häufig appellativ)

6. Tropen (Austauschfiguren):
Euphemismus
Umschreibung, Anspielung
Litotes (Untertreibung)
Hyperbel (Übertreibung)
Ironie
Metapher, Metonymie
Zitat, pars pro toto (Synekdoche)

Im Artikel „Rhetorische Figuren“ im Metzler Literatur Lexikon liegt eine Einteilung vor, die daran orientiert ist, w a s rhetorisch gemacht wird, während Plett/Liewerscheidt i.W. fragen, w i e es gemacht wird. Ich halte für unser Arbeiten außerdem die Frage für wichtig, w o z ujemand ein rhetorisches Mittel gebraucht (zum Erklären? zum Bewerten? zur direkten Ansprache des Lesers?) Vgl. http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/PRAESENTATION/rhetorikTropen.shtml (unter rhetorisch-pragmatischem Aspekt!)

Im II. Kapitel von Ivo Braak: Poetik in Stichworten (viele Auflagen) wird nach Tropen / Figuren unterschieden, diese wiederum nach verschiedenen Kriterien. Das Buch ist sehr lehrreich und bietet zusätzlich zur Erklärung jeweils Beispiele. Sehr zu empfehlen! Sehr gut ist der Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Metapher/ (mit Eigenarbeit: weiterführend)
http://www.magic-point.net/fingerzeig/ ist ein nettes Lernprogramm!
Bei http://209.85.135.104/search?q=cache:zg0RZJvTDQUJ gibt es eine interessante Auflistung der Figuren:

Figuren (= Topoi, Ez.: Topos) sind feste Denk- und Ausdrucksfiguren; manchmal unmittelbar, vielleicht sogar unbewußt verwendet, meist aber erlernbare, übernommene Formen, die an geeigneter Stelle wiederverwendet werden können. Es gibt sie auf der Wort- und Satzebene, aber auch auf gedanklicher wie auf klanglicher Ebene:

1. Wortfiguren

Nachdrücklichkeit
(Emphase)
= das nachdrückliche Hervorheben eines Wortes durch besondere Betonung, Wiederholung oder Wortstellung:
Menschen! – Menschen! falsche, heuchlerische Krokodilsbrut! (Schiller)
Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd! (Shakespeare)
Übertreibung (Hyperbel)
= Steigerung des Ausdrucks durch Vergrößerung oder Verkleinerung (ein Mund wie ein Scheunentor); oft in pathetischer und komischer Dichtung. Dabei ist der Schritt vom Erhabenen und Eindrucksvollen zum Lächerlichen oft nur klein; nicht selten ist die komische Wirkung aber auch beabsichtigt.
Untertreibung (Litotes)
= Gegenteil der Hyperbel: will durch Milderung und Abschwächung der Äußerung verschleiern, was eigentlich gesagt werden müßte („Er war nicht gerade ein Held“ will eigentlich sagen: „Er war ein Feigling“)
Umschreibung (Periphrase)
nennt das Gemeinte nicht direkt, z.B. eine Eigenschaft für den Begriff (Der Allmächtige für Gott)

Sonderformen:
Euphemismus = Ausdrucksmilderung, Beschönigung (entschlafen für sterben, Eumeniden („die Wohlmeinenden“) für die Furien)
Preziosität = Ausdrucksgeziertheit, „geblümter Stil“ (himmlischer Spiegel für Wasser)

2. Satzfiguren

Unverbundenheit (Asyndeton)
= Anreihung ohne Bindewörter: Alles rennet, rettet, flüchtet (Schiller)
Vielverbundenheit (Polysyndeton)
= Anreihung mit Bindewörtern:
Und es wallet und siedet und brauset und zischt (Schiller)
Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut,
Und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt ist Blut
(Uhland)
Weglassung (Ellipse)
zur Erzielung von Raffung und/oder stärkerer Wirkung: Was nun? für „Was machen wir nun?“

Sonderform:
Verschweigung (Aposiopese): Läßt gerade das Wichtige weg: Euch werde ich!

Worthäufung

kann entweder in Form der Reihung (Akkumulation) erfolgen:
Nun ruhen alle Wälder, / Vieh, Menschen, Städt’ und Felder (Gerhardt)
oder der Stufenfolge (Gradation) nach oben (Klimax = Steigerung) oder nach unten (Antiklimax):
Klimax: Er weint, er ist bezwungen, er ist unser (Schiller)
Antiklimax: Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen (Goethe)
Gleichlauf (Parallelismus)
⇒ Satzglieder in gleicher Reihenfolge:
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang (Schiller)
Überkreuzstellung (Chiasmus)
⇒ Satzglieder beim zweiten Mal in umgekehrter Reihenfolge:
Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns,
vor uns liegen die Mühen der Ebenen
(Brecht)

3. Gedankenfiguren

Anruf
entweder in Form der Anrufung z.B. Gottes oder der Musen oder als Anrede an eine Person oder einen personifizierten abstrakten Begriff:
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum …
(Schiller)
Rhetorische Frage
= eine in scheinbarer Frageform noch nachdrücklichere Aussage oder Aufforderung, oft in der Nähe zum Ausruf:
Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
die gastlich hier zusammenkamen?
(Schiller)
Qousque tandem, Catilina, abutere patientia nostra? (Cicero)
Entgegenstellung (Antithese)
= Zusammenstellung entgegengesetzter Begriffe (jung und alt), oft auch mit kontrastierender Wirkung:
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein. (Gryphius)
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. (Schiller)
Widersprüchlichkeit (Oxymoron)
griech. „scharf + dumm“ = eine scharfsinnige Dummheit: enge Verbindung von einander widersprechenden Begriffen in pointierender Absicht (eile mit Weile …).

Sonderformen:
Bildsprung (Katachrese)
häufig bei bereits verblaßten Metaphern, manchmal fehlerhaft („Stilblüte“: Der Zahn der Zeit wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen), manchmal aber auch in pointierender Absicht
Paradox(on)
= scheinbar widersprüchliche Aussage, die der allgemeinen Erfahrung zuwiderläuft:
left is right, right is wrong (Linksverkehr)
Das Leben ist der Tod, und der Tod ist das Leben.
Contradictio in adjecto (lat. „Widerspruch im Beiwort“)
= Widerspruch zwischen den Bedeutungen von Nomen und zugeordnetem Adjektiv:
ein weiser Narr, die armen Reichen, beredtes Schweigen,
Schwarze Milch der Frühe … (Celan)
Pleonasmus
entsteht, wenn das Beiwort eine Bedeutung trägt, die das näher zu bestimmende Wort bereits enthält:
schwarzer Rappe, weißer Schnee, schnell rasen …
Tautologie
= Wiederholung des bereits Gesagten mit sinnverwandtem Wort:
immer und ewig, nackt und bloß, voll und ganz
Wortspiel
= Zusammenstellung von Wörtern, die miteinander gleichlauten, in der Bedeutung aber verschieden sind:
Der Rheinstrom ist worden zu einem Peinstrom (Schiller)
setzen, nicht schwätzen!

Sonderform:
Figura etymologica:
Die zusammengestellten Wörter haben den gleichen Wortstamm:
Betrogene Betrüger

4. Klangfiguren

Anapher (Wortwiederholung am Anfang von Sätzen oder Verszeilen):
Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll… (Goethe)
Auferstehn, ja auferstehn wirst du,
mein Staub, nach kurzer Ruh
(Klopstock)
Epipher (Wiederholung am Ende):
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!
(Nietzsche)
Lautmalerei (Onomatopoie)
= schallnachahmende Wortbildung nach dem Naturlaut (Kuckuck, muhen, Donner):
Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt,
Da ringelts und schleift es und rauschet und wirrt,
Da pisperts und knisterts und flisterts und schwirrt..
(Goethe)

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Die rhetorischen Stilfiguren sind bei der Analyse aller Texte, vor allem jedoch von Gedichten zu beachten; sie zu nennen, ist das eine – das andere, ihre pragmatische Leistung zu erfassen. Vgl. meinen Aufsatz http://www.lehrer-online.de/rhetorik-im-netz.php (mit Literaturangaben und Links)

Virtuelles Lehrbuch der Rhetorik (für Schule): http://www.uni-tuebingen.de/uni/nas/projekte/lehrbuch/inhalt.HTMMehr...

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