Gedichte, Songs verfilmen?

An einem Beispiel kann man studieren, was „Verfilmung“ oder Umsetzung-plus-Bilder ergibt, am Song von Herbert Grönemeyer: Bochum (1984).

Bochum

Tief im Westen
Wo die Sonne verstaubt
Ist es besser
Viel besser, als man glaubt
Tief im Westen

Du bist keine Schönheit
Vor Arbeit ganz grau
Du liebst dich ohne Schminke
Bist ’ne ehrliche Haut
Leider total verbaut
Aber grade das macht dich aus (…)

Das Ding ist ein Song (Lied), nicht Gedicht; der Text wird als „Songtext“ präsentiert – der pure Text ist blass, ist eher etwas für Bochumer, um sich mit ihrer „kümmerlichen“ Stadt zu identifizieren, weit unterhalb der sprachlichen Komplexität eines Gedichtshttp://www.letzte-version.de/songbuch/4630-bochum/bochum/
Dazu gibt es bei youtube eine Reihe von Filmen; im Vergleich der fünf Filme kann man beurteilen,
a) ob „Verfilmung“ eines Songs etwas bringt – bei den letzten beiden Beispielen nicht, finde ich;
b) welche Art Verfilmung am besten ist – die mittlere der ersten drei, finde ich.
http://www.youtube.com/watch?v=iOqVLirG32U (Bild-Paraphrase, wie bei rip)
http://www.youtube.com/watch?v=FN8fYSNSlt4&feature=related (starke Inszenierung)
http://www.youtube.com/watch?v=d-3uOhFh9Vk&feature=related (Masseninszenierung: schwach)
http://www.youtube.com/watch?v=Yvu44pubuZ0&feature=related (Lied im Konzert)
http://www.youtube.com/watch?v=wRfPgemMJQA&feature=related (noch ein Konzertlied, schwach: Amateurvideo)

Um die Argumentation zur Verfilmung von Gedichten aufzugreifen:

„Bedecke deinen Himmel, Zeus,
mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn…“ (Goethe: Prometheus)

Meine bescheidene Frage: Wie will man das bös-imperativische „Bedecke“ und „übe, Knaben gleich“ verfilmen? Indem man einen bewölketen Himmel zeigt und einen stockschwingenden Knaben? Wie will man den Kontrast „dein Himmel vs. meine Erde“ verfilmen? Wie will man den Spott im Modalverb „müssen“ und dieses selber verfilmen? Ich behaupte: Das geht  nicht.
An den Beispielen des rip-Kurses sieht man: Episoden werden verfilmt; und bei Grönemeyer sieht man: Bildparaphrasen zu den beiden Metaphern „Pulsschlag aus Stahl“ und „bist ’ne ehrliche Haut“ tun es nicht, zu den Versuchen kann ich nur lächeln.

Am Beispiel von Goethes „Mailied“ (bzw. „Maifest“) kann man noch einmal diskutieren, ob man Gedichte und Songs verfilmen kann oder soll. Man muss fairerweise Schüler-Verfilmungen, die offenbar modern werden, mit Schülerinterpretationen vergleichen und mit Schüler-Rezitationen. Von den letzteren gibt es keine Beispiele, also von reinen Rezitationen; dafür habe ich Fritz Stavenhagen und Lutz Görner im Programm. Die Vertonung durch Beethoven ist nicht das Nonplusultra, denke ich – sie bleibt zeitgebunden.

Analysen (deren gibt es noch mehr, aber nicht bessere):
http://lyrik.antikoerperchen.de/johann-wolfgang-von-goethe-maifest,textbearbeitung,89.html (Schülerarbeit, viele „Stilmittel“, kennt nicht das lyrische Ich)  http://privat.oliverkuna.de/deutsch.php?doc=20 (Schülerarbeit, hilflos)
http://schulkrams.zweipage.de/textseite_63226875.html (Schülerarbeit)

Illustration:
http://www.youtube.com/watch?v=fzjQM0PC8ho (Illustration, verfehlt wie alle derartigen Projekte die sprachlichen Besonderheiten des Gedichts)
http://www.youtube.com/watch?v=JeZb92Xd5PI (ähnliches Produkt)
http://www.youtube.com/watch?v=9UnlMNSosrY (ähnlich, aber schlimmer)
http://www.youtube.com/watch?v=YlqtUZAFnvg (audio-visuelle Interpretation, dafür völlig textfrei – hat durchaus Charme, aber was hat sie mit dem Gedicht zu tun?)

Rezitation:
http://www.deutschelyrik.de/start/Autoren/E-G/Goethe/prod/MailiedMaifest.html?xz=0&ci=27 (Fritz Stavenhagen, sehr gut)
http://www.rezitator.de/gdt/280/ (Lutz Görner)
http://www.rezitator.de/gdt/957/ (Lutz Görner – ältere Aufnahme?)
http://www.youtube.com/watch?v=inFYr4eL4Kk (Lutz Görner, mit Musik und Bildern unterlegt)

klassische Vertonung:
http://www.youtube.com/watch?v=264Eap_dDa0 (Peter Schreier singt Beethoven)

P.S. Zur Anwendung der Beispiele

Die Schüler filmen wie Schüler, und die Schüler analysieren schriftlich wie Schüler – beides ist schülerhaft, und erst Stavenhagen zeigt zum Beispiel, wie meisterhaftes Sprechen klingt. Was folgt daraus? Daraus folgt erst etwas, wenn man 1. weiß, dass nur durch beharrliches Üben, Üben, Üben (die basics, sagt der Trainer!) Meisterschaft sich entwickeln kann. Dann ist aber 2. zu fragen, in welchem Bereich denn im Allgemeinen eher Meisterschaft angestrebt werden soll, im Filmen oder im Schreiben [oder gar nicht?]. Da ist dann meine Entscheidung klar: Sie soll im Schreiben angestrebt werden, und auch im Sprechen – wozu werden sonst so viele Trainings für Rhetorik, Gesprächsführung usw. angeboten? Und so wenig Seminare für gutes Filmen?

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