Gedichtanalyse – Beispiel, mit methodischem Kommentar (Ina Seidel: Trost)

Ina Seidel: Trost

Text: hier!

Geläufig ist seit 1937 (Ina Seidel: Gesammelte Gedichte) der 2. Vers in folgender Fassung: „Was bangst du nur?“ Außerdem sind die Personalpronomen groß geschrieben. Das scheinen keine „wesentlichen“ Änderungen zu sein; aber wenn man das Gedicht veröffentlicht, müsste man sich textkritisch (und nach gründlichem Quellenstudium) für eine der beiden Varianten als den maßgeblichen Text entscheiden.

Anleitung zum Analysieren
Arbeitsanweisung: Kreuzen Sie jeweils die richtige Lösung mit Bleistift an, tragen Sie in die Leerzeilen Ihre Antworten ein; besprechen Sie danach Ihre Lösung zur Korrektur mit einem Mitschüler!
Die Überschrift „Trost“ ist eine Anweisung zum Verständnis des Gedichtes. Stammt sie
von der Dichterin ( ) oder vom sprechenden Ich ( )?
Formal ist das Gedicht eine Rede eines „Ich“ an ein „Du“. Das „Ich“ ist
( ) ein lyrisches Ich – oder
( ) die Dichterin Seidel; „du“ (klein geschrieben!) ist
( ) das lesende Ich oder
( ) eine andere anwesende Person? [Beachte auch die drei Fragen am Ende des Gedichtes: Stellt man solche Fragen sich selbst oder anderen?]

Verschiebt die spätere Großschreibung des Pronomens „Du“ vielleicht etwas den Sinn des Gedichtes? _____________________________________________________________________

Der 1. Vers ist paradox, wenn man „unsterblich“ nicht als Metapher lesen will. Wieso?

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Ist „unsterblich“ eine Metapher, oder wird hier ein göttliches Prädikat auf die Linden und ihr Duften übertragen? [Beachten Sie auch den Kontrast ‚du wirst vergehn / der Sommer wird stehn’ und die Spannung zwischen den drei Fragen am Ende und dem letzten Vers!]

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Wird im 1. Vers ( ) eine Wahrnehmung beschrieben oder ( ) die Natur gepriesen?
Der 2. Vers ist ein Frage – wie hängt sie gedanklich mit dem 1. Vers zusammen?

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Wenn man den Zusammenhang zwischen den beiden ersten Versen gesehen hat, kann man die Funktion von V. 3-7 angeben: Dort wird _________________________, dass die erste Frage (V. 2) ____________________________________________________
Das sieht man vor allem am Kontrast der Aussagen über die Zukunft des Du und des Sommers (= Natur): ‚Du wirst ___________________, der Sommer wird stehn’;

„stehn“ bedeutet so viel wie ___________________________. [In der klassischen Philosophie wird Ewigkeit als nunc stans, als stehendes Jetzt begriffen.]
„leuchtend“ ist ein altes Prädikat Gottes (doxa, der Lichtglanz; vgl. den Heiligenschein) und bereits bei Goethe auf die Natur übertragen: „Wie herrlich leuchtet mir die Natur…“ (die Herbst-Thematik des Expressionismus ist vorbei: Trakl, Verfall, und andere!).
„deine Füße“: Ist das ( ) pars pro toto (Metonymie), also gleich „du“, oder ( ) Herabminderung des Menschen auf ein im Staub kriechendes Wesen? [Vgl. die Bibel: Gen 2,4 ff.: Gott nahm Staub vom Acker und hauchte ihm den Lebensatem ein.]

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Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Atemwehn des Sommers und dem Hauchen Gottes in Gen 2,4 ff.?

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[Vgl. dazu das Prädikat „arm“ für den Menschen bzw. die Menschenbrust!]
„die arme Menschenbrust entbinden“ enthält eine Leerstelle, da nicht gesagt wird, wovon sie entbunden wird. Was würden Sie sinngemäß einsetzen? _______________________

Wozu wird der Leser durch eine Leerstelle aufgefordert? ______________________________

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In Vers 8 und 9 werden drei Fragen gestellt, über die Sie schon nachgedacht haben. „Hier“ ist immer der Standpunkt eines Sprechenden (ich-hier-jetzt): Wer konstituiert das „hier“ in den Fragen in Vers 8?

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Wie hängt die letzte Frage mit den beiden vorangehenden gedanklich zusammen? Sollte man sie als ( ) rhetorische oder ( ) echte Frage begreifen?

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Beachten Sie bei Ihrer Antwort auch das Verhältnis der dritten Frage zum letzten Vers:

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Im letzten Vers wird der 1. Vers wiederholt. Was leistet diese Wiederholung für das, was das Ich dem Du zu sagen hat?

Überlegen Sie zum Schluss noch einmal, wer wen in der Textebene tröstet:
( ) Das Ich tröstet sich selbst in einer Reflexion oder Meditation;
( ) das Ich tröstet ein Du. – Außerhalb der Textebene, in der „Realität“
( ) tröstet Ina Seidel ihre Leser über deren Vergänglichkeit,
( ) preist sie primär die Natur.

Zum Rhythmus des Gedichtes:
Wir finden einen umarmenden Reim, einen Paarreim und wieder einen umarmenden Reim. Wie wirkt die Spannung zwischen dem sprachlogischen Aufbau (s. oben) und den klanglichen Einheiten?

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Wir haben zwei echte Enjambements, und zwar von V. ___ nach V. ____ und von V. ___ nach V. ____. Sie stehen in gegensätzlichen Aussagen. Wie hört sich das durchgehende Sprechen hier an?

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Sie dürfen in jedem Vers ein, maximal zwei Wörter betonen. Setzen Sie auf die von Ihnen betonten Wörter mit Bleistift einen Akzent!
Für einen Vers gilt diese Regel (ein oder zwei betonte Wörter) nicht, und zwar für V. ___ Was besagt das für die Stellung dieses Verses im ganzen Gedicht?
Sie können nach Ihrer Analyse die Rezeption Ina Seidels durch ihre Leser(innen) beurteilen (vgl. 2. Arbeitsvorschlag zu Brecht: Vom armen B.B.). Sie sollten auf jeden Fall das Gedicht jetzt laut lesen und im Hören prüfen (mehrfach), wie sich die eine oder andere Lesart „anhört“, ob sie „stimmt“. – Und Sie sollten bedenken, was Sie hier beim Analysieren getan haben – lesen Sie dazu den folgenden Kommentar!

Methodischer Kommentar zur Analyse
Bei der Analyse eines Gedichts muss man zwei Ebenen unterscheiden: Der fiktionalen Ebene gehören das lyrische Ich und das angesprochene Du an; in der Realität gibt oder gab es Ina Seidel und ihre Leser damals und heute. Die Dichterin „spricht“ nur indirekt über ihren Text zu Lesern – aber was diese tatsächlich „hören“, steht weithin nicht in ihrer Macht, mag sie auch ihre „Intention“ beim Dichten gehabt haben. Sie hat zwar in die Überschrift „Trost“ eine Leseanweisung gepackt; aber das Nomen „Trost“ allein ist unbestimmt, und Leser müssen der Anweisung nicht Folge leisten.
Weil das Ich eine zusammenhängende Äußerung tut, sind zunächst die Gesprächssituation und die Gesprächsteilnehmer (aus der Äußerung heraus!) zu bestimmen: ein bangendes Du und ein tröstendes Ich, das zum Du spricht, ohne dass dieses Du zu Wort käme.
Diese Äußerung ist in sich strukturiert: Sie besteht nicht aus „Wörtern“, sondern aus Sätzen, die in einem Verhältnis zueinander stehen (Vers 1-2; Vers 3-7 als erklärende Begründung usw.). Es wäre also falsch, mit dem isolierten Wort „unsterblich“ anzufangen und zu schreiben, was einem dazu einfällt (beziehungsweise aus dem Wörterbuch die ganze Bandbreite möglicher Bedeutung abzuschreiben): Wenn ich als Vorwurf zu einem Bekannten sage: „Du hast mich unsterblich blamiert“, bedeutet „unsterblich“ etwas anderes als im 1. Vers: „Unsterblich duften die Linden.“
Es wäre auch verfehlt, die Dichterin „rhetorische Mittel“ gebrauchen zu lassen: eine Metapher in V. 1, einen Kontrast in V. 3 ff. Nein, das lyrische Ich ist die sprachlich handelnde Größe [auch wenn man als Schüler vielleicht „rhetorische Stilmittel“ sucht]: Das Ich stellt dem Du eine (rhetorische) Frage, um dessen Denken in eine Richtung zu lenken; das Ich stellt dem vergehenden Du den Sommer in seinem Bestand gegenüber, um zu begründen, dass zu bangen nicht richtig ist. Und ob Ina Seidel beim „Atemwehn“ an die Bibel gedacht hat, braucht uns nicht zu interessieren: Die Anspielung des Ichs auf Gen 2,4 ff. ist (für Kenner) spürbar; hier sieht man, wie der Horizont des Lesers das Verständnis des Textes mitbestimmt.
Wichtig ist auch, zu sehen, wo vom Sprecher offen gelassene Leerstellen sind, etwa bei „entbinden“: Man muss sich bewusst sein, dass man selber diese Stellen füllt.
Wir haben auch versucht, den Rhythmus (Betonung, Tempo, Klangbild aus den Reimformen) mit dem sprachlogischen Aufbau zu vermitteln: Es bringt wenig, Verse zu zählen oder Reimformen aufzuzählen. Hinzu kommt beim lauten Lesen  noch die Stimmführung mit Höhe und Tiefe, mit Lautstärke und „Farbe“: Das laute Lesen zeigt, wie man ein Gedicht versteht – vorausgesetzt, man kann so sprechen, wie man es will; dazu bedarf es einer langen Übung.

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