Figurenkonstellation und dramatisches Geschehen

Angeregt durch die „Grundzüge einer deutschen Grammatik“ (1981, über die Kommunikationssituation) möchte ich folgendes Raster über das VERHÄLTNIS DER FIGUREN (Figurenkonstellation) in einer Dramenszene zur Diskussion stellen bzw. zur Hilfe anbieten. Der Einfachheit halber operieren wir wie die GdG mit den drei Größen SPRECHER / HÖRER / SACHVERHALT:
a) soziale Rolle: gleich / ungleich (über-/untergeordnet)
b) Nähe: vertraut / fremd
c) Verhältnis: Freund / Feind
d) Bedeutung: Helfer / Hinderer
e) Sachverhalt: wichtig / unwichtig [für einen / für beide]
f) Beteiligung: beteiligt (darin verwickelt) / unbeteiligt

DAS GESCHEHEN lässt sich in den Phasen erfassen:
a) Wer führt das Gespräch herbei? [Oder: Wer will was erreichen?] Oder hat sich das Gespräch zufällig ergeben?
b) Wie verläuft das Gespräch, was geschieht? [Hauptteil der Analyse]
c) Was ist am Ende das Ergebnis? Was hat sich verändert?

Die beiden Reihen hängen so miteinander zusammen: Die Figurenkonstellation ist die Voraussetzung, unter der das Gespräch beginnt; sie ist die Geschichte, „die Vergangenheit“ der Figuren, die alte Gegenwart. Die aktuelle Gegenwart ist das Gespräch, die Szene; das Ergebnis ist die neue Gegenwart. Zum Ergebnis soll oder kann man fragen: Was bedeutet dieses Ergebnis für das künftige Geschehen? [Was bedeutet es aktuell vermutlich? Was hat es in der Rückschau bedeutet, wenn man das Ende des ganzen Dramas kennt?]
Man kann die zeitliche Perspektivierung noch weiter treiben und fragen: Hat sich durch das Gespräch auch das Bild der Vergangenheit verändert?

Alles, was bisher untersucht worden ist, erfährt eine weitere Relativierung oder Perspektivierung. Man kann also alle Fragen doppelt beantworten:
1) aus der augenblicklichen Sicht der Figuren (evtl. unterschiedlich!)
2) aus der augenblicklichen Sicht des Lesers oder Zuschauers.
Am Ende ergibt sich die endgültige Sicht des Zuschauers („die Wahrheit“); die kann, aber muss nicht eindeutig bestimmt sein – manchmal bleibt unklar oder doppeldeutig, wer die überlegene Figur war, was das Ergebnis eines Gesprächs war oder wer in Wahrheit ein Helfer war (und ob zum Beispiel der Hinderer nicht auch ein Helfer war, seine Bedeutung also ambivalent war).

Dass die Verhältnisse sich ändern, dürfte klar sein; deshalb kann man Figurenkonstellationen immer nur für bestimmte Situationen umschreiben. Außerdem kann die Entwicklung der Verhältnisse schwanken, sie muss nicht in eine Richtung verlaufen.

Nachtrag: „Hinderer“ habe ich erfunden, weil ich kein Antonym zu „Helfer“ gefunden habe; vielleicht gibt es als weiteres Antonym zu „Helfer“ noch den „Verräter“?
Zweiter Nachtrag: Wenn man die Perspektivierung auf der Schiene „Figuren / Leser“ bedenkt, wird man sofort bemerken, dass in den sogenannten Standbildern nur eine Perspektive erfasst werden kann: in der Regel die der Figuren; aber das ist nicht einfach die Wahrheit!

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