Dramaturgie (vor dem Hintergrund von „Don Carlos“)

Ein Kollege zu Beiträgen meines Lehrerheftes zu „Don Karlos“:
Die Hauptthese von der sittlichen Reifung des Prinzen als rotem Faden der Handlung gibt es schon (s. G. Kluge); sie wurde bereits relativiert (M. Hofmann). Deinen Originalitätsanspruch auf den Säkularisationshintergrund des Marquis Posa will ich nicht schmälern durch den Rückverweis auf Albrecht Schöne, den Du ja auch als methodolog. Ahnherrn zitierst. Nur scheint mir dieser Kontext für die Frage nach der dramatischen Einheit, die ja auch Du stellst, nichts Entscheidendes herzugeben.
Die Frage der Einheit entscheidet sich durch die Struktur des Dramas, sagst Du. Ja, aber auf der Ebene der dramaturgischen Struktur.

Ich frage:
Was ist die Ebene der dramaturgischen Struktur?

Der Kollege:
Du fragst, was unter „dramaturgischer Struktur“ zu verstehen sei. Dramaturgie antwortet auf die Frage, welche Wirkungszwecke der Dramatiker oder Theatermacher mit welchen Mitteln beim Zuschauer erreichen will/ kann/ soll. Dieser Zusammenhang, in ein konzeptionelles System gebracht, heißt Dramaturgie.
Auf den „Don Karlos“ angewandt, kommt diese Fragestellung nach meinem bisherigen Eindruck bei Dir nicht vor. Vielleicht hältst Du sie ja für unwissenschaftlich, weil empirisch nicht exakt nachweisbar. Dennoch bleibt die Bestimmung der impliziten Dramaturgie eines Stücks „immer schon“ und nach wie vor das Kernstück einer Dramenanalyse.
Und welche Dramaturgie liegt nun dem „Don Karlos“ zugrunde? […] Die mir bekannten Positionen schwanken zwischen einer Mitleidsdramaturgie  Lessings, der noch die frühen Stücke Schillers verpflichtet sind, und einer bereits klassischen Dramaturgie des Erhabenen, wie sie in Schillers späteren Schriften zur Tragödie entworfen ist.

Daran anschließend meine Überlegungen:
Laut Metzler Lexikon Literatur (2007) ist Dramaturgie (2. – Dramaturgie 1. ist das, was der Dramaturg am Theater macht) die Theorie von der Kunst und Technik des Dramas. „Insbesondere der Aufbau und die Wirkung des Dramas beim Lesen sowie bei der Aufführung auf der Bühne bilden einen Schwerpunkt dramaturgischer Erörterungen.“ (S. 170)
Den Aufbau des „Don Karlos“ habe ich untersucht und beschrieben, am intensivsten im Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht (2008)
„Die Wirkung“ gibt es nicht, es gibt nur Wirkungen;
a) auf den einen Leser wirkt das Drama anders als auf einen anderen;
b) auf Leser früher wirkt das Drama vielleicht anders als auf heutige;
c) es gibt verschiedene Aufführungen (mit Textkürzung, mit der Arbeit des Dramaturgen am jeweiligen Theater): jede ein „Don Karlos“ für sich, mit Wirkungen auf den einen so, den anderen so;
d) es gibt nicht einmal „den“ Text des Dramas: Es gibt mehrere Fassungen aus der Feder Schillers, sowohl in Jamben wie in Prosa, dazu die jeweils aufgeführte Textfassung.
Die Wirkung 1787 habe ich im Lehrerheft allgemein beschrieben, dazu exemplarisch eine Rezension der ersten Mannheimer Aufführung 1788 (gekürzt um Lob und Kritik der Schauspieler) abgedruckt.
Was Schiller mit der Schaubühne bewirken wollte, hat sich im Lauf der Zeit verändert, wie auch seine Einstellung zum „Don Karlos“ sich über die vier, fünf Jahre der Entstehung hin, dann auch später noch verändert hat. So finden die Forscher denn auch durchaus verschiedene „Dramaturgien“ verwirklicht (wie man sowohl die Zuordnung zu „Aufklärung“ als auch zur „Klassik“ findet).

Kurzer Kommentar zum Dramaturgiebegriff des Kollegen:
„Dramaturgie antwortet auf die Frage, welche Wirkungszwecke der Dramatiker oder Theatermacher mit welchen Mitteln beim Zuschauer erreichen will/ kann/ soll.“
a) Möglicherweise meint er sowohl Wirkungen wie Wirkungszwecke.
b) Der Dramatiker ist nicht der Theatermacher – hier zeigt sich die Differenz von „Dramaturgie“ 1. und 2.; die Theatermacher leben auch in verschiedenen Zeiten und sind ganz verschiedenen Ideen verpflichtet.
c) „mit welchen Mitteln“ sind für das konkret vorliegenden Drama (Text) und seine theatralische Realisierung zwei verschiedene Fragen.
d) „Den Zuschauer“ gibt es nicht, nur viele Zuschauer.
e) „will / kann / soll“: Das ist die Frage nach einer persönlichen Intention (schwer nachweisbar, da innerlich); nach einer Frage der sprachlichen und theatralisch-„dramaturgischen“ (1.) Realisierung; nach einer Norm („soll“), die wir heute wirklich nur noch historisch-deskriptiv (Aristoteles meinte…) oder ideologisch (Mit Brecht muss man…) beantworten können.
Im Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie (3. Auflage 2004, inzwischen gibt es eine 4. Auflage) gibt es das Stichwort „Dramaturgie“ überhaupt nicht. Es gibt das Lemma  „Dramentheorien“ und dann die Stichworte moderner Theorie: „Literaturrezeption“ (ganz viele Stichworte im Zusammenhang mit „Literatur“!) und für die alte Theorie „Intention“ (des Autors) – ein heute überholter Begriff.

Fazit:
1. Man kann beschreiben, wie die Lektüre des Textes oder eine Aufführung auf mich selbst wirkt – ich bin aber nicht „der Leser“;
2. man kann zu erklären versuchen, wodurch diese Wirkung zustande kommt;
3. man kann berichten (Theaterkritik), wie eine bestimmte Aufführung anscheinend auf viele Zuschauer (oder tatsächlich auf den Kritiker) gewirkt hat;
4. man kann berichten, worin bestimmte Theoretiker (Aristoteles, Lessing u.a.) die „Wirkung“ des Theaters idealiter gesehen haben;
5. man kann berichten, was ein Autor alles zum Sinn eines bestimmten Stücks gesagt hat;
6. man kann beschreiben, wie ein bestimmter Dramaturg ein bestimmtes Stück auf der Bühne aufführt…
aber man sollte nicht meinen, es gebe „die dramaturgische Struktur“ eines Dramas.

Was liest man in der wikipedia (am 22. 09. 08)?
Die Dramaturgie (von griechisch dramaturgein „ein Drama verfassen“) bezeichnet:
einerseits das Kompositionsprinzip eines Theaterstücks, das je nach Epoche variiert,
oder auch die Kunst, im Bereich Literatur, Theater, Filmkunst und Fernsehen, aber auch in der Musik, einen Spannungsbogen zu gestalten.
Dramaturgie bezeichnet auch den Arbeitsbereich des Dramaturgen am Theater oder beim Film.

Exkurs: Wie heute „dramaturgische Struktur“ gebraucht wird (im www):
* Die klassische dramaturgische Struktur von Produktionen konstituiert sich in den sog. dramaturgischen Stufen (Franz’sche Pyramide).
* Je komplexer also die Seite Raum/Material, je komplexer aber auch die Seite Bild/Ton, desto einfacher muß die dramaturgische Struktur sein.
* Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf die Ästhetik des Traums im Film, auf seine dramaturgische Struktur (Unterbrechung, Überhöhung oder Verdichtung) sowie auf die symbolische Verschlüsselung.
* Allgemein kann gesagt werden, dass sich die klassische dramaturgische Struktur auch in der Daily Soap wieder findet.
* …liegt eine dramaturgische Struktur zugrunde: Die Handlung beginnt mit einer Einführung, der Exposition.
* Die Formen des Dramas wurden immer offener, und die dramaturgische Struktur warb um die Zuschauerinnen und Zuschauer als Mitproduzenten des Stückes.
* In der Begrenzung des zentralen Konflikts auf sechs Personen findet sich zugleich die dramaturgische Struktur. (Film)
* Julia Fischer artikuliert dagegen die harmonische und dramaturgische Struktur dieser Passagen, ohne sie zu bloß glitzerndem Laufwerk zu degradieren. (Metapher: Musik)
Vgl. http://www.learn-line.nrw.de/angebote/mksu/basiseinheit.jsp?page=4,1,3,3,7

Damit man noch etwas Lehrreiches findet, hier drei Links,
einer zur Dramaturgie des Films (http://www.schnitt.de/212,1012,01), einer zur Erzähltheorie und zur Funktion bestimmter Figurentypen (analog der Propp‘schen Märchenanalyse): http://www.filmtutorial.de/06-die-reise/2.htm
sowie zur Theorie des Dramas: http://www.ph-ludwigsburg.de/

……………………………………………………………………………..

Unter dem Stichwort ‚dramaturgische Struktur‘ findet man an der Uni München Vorlesungen; auf meine Nachfrage ergab sich folgender Dialog:

Meine Frage:
Was ist die dramaturgische Struktur eines Dramas?
Dr. Andreas Englhart, München, antwortet:
[…] Ich nehme Umberto Ecos Aussage zu Zeichen auf, wandele sie etwas ab und behaupte erst einmal, daß es gar nicht sicher ist, ob es so etwas wie eine Struktur, für die wissenschaftsgeschichtlich an erster Stelle immer der (Neu-)Strukturalismus verantwortlich zeichnet, überhaupt gibt. Letztlich ist sie ein hilfreiches wissenschaftliches Konstrukt oder wenn man so will eine Wahrnehmungshypothese, die gerade für die Untersuchung und Analyse des Dramas auf die relevanten ‚Bauformen‘ und einzelnen Funktionen der Konstituentien des Dramas abzielt. Meinen StudentInnen mache ich die Struktur immer anhand des Beispiels einer architektonischen Bauzeichnung anschaulich. Denn diese ist ja wie eine physikalische Formel oder Vektorenzeichnung auch ein Konstrukt, existiert neben dem Gebäude oder dem physikalischen Phänomen nicht wirklich, es besteht aber trotzdem durchaus ein wirkungsvoller Zusammenhang des Konstrukts mit der „Wirklichkeit“. Die Relevanz einer Struktur zeigt sich vielleicht indirekt dadurch, daß man an ihr durchspielen kann, ob mit ihr die wichtigsten Funktionen von Teilen des Gesamten auch sichtbar werden. Oder anders gesagt: wenn man auf der Ebene der Struktur einen Teil des Gesamten imaginär hinausnimmt, etwa einen Handlungsabschnitt, eine Figur, einen Dialog oder eine bestimmte zeitliche oder räumliche Komponente, dann verändert sich das Gesamte, also der dramatische Text, wesentlich. Leider hat die Geisteswissenschaft im Gegensatz zu den harten Wissenschaften kaum die Möglichkeit, ihre Strukturen empirisch einer Falsifikation auszusetzen, insofern haftet dem geisteswissenschaftlichen Strukturbegriff natürlich immer der erhöhte Verdacht der Willkür und Beliebigkeit an. Damit müssen wir leider leben und arbeiten.

Meine Gegenfrage:
Sie sprechen hier von „dramatischer Struktur“ – ist dies das Gleiche wie „dramaturgische Struktur“ oder nicht?
Dr. Englhart antwortet:
Sehr geehrter Herr Tholen,
Ihre Frage erzeugt bei mir eine kurze Unsicherheit, ob ich nicht im schnellen Gebrauch beide Begriffe ohne Differenzierung verwende und ich kann nicht ganz ausschließen, daß mir das auch in Publikationen unterlaufen ist. Aber eigentlich wäre schon zu unterscheiden: meiner Meinung nach bezieht sich die dramatische Struktur eher auf die Strukturen des dramatischen Textes an sich, während die dramaturgische Struktur zwar ebenfalls den dramatischen Text als Ausgangspunkt nimmt, darüber hinaus aber die im Inszenierungs- und Aufführungsprozess des Theaters mit dem dramatischen Text verbundene Performanz, also den Vollzug der theatralen Handlung miteinschließt. Oder einfacher gesagt: Im Dramaturgischen ist das Theatrale mitgedacht, so wie es ja schon von Lessing in seiner „Hamburgischen Dramaturgie“ vorgesehen war. Dies bedeutet also doch eine relevante Schwerpunktverlagerung, auf die im Einzelfall immer zu achten wäre.

Vgl. auch Jörg von Brincken / Andreas Englhart:
Einführung in die moderne Theaterwissenschaft. WBG: Darmstadt 2008

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