Dialekt – seine rhetorische Leistung

Dialekt zu sprechen kann bedeuten, dass man sich der Heimat verbunden fühlt; dass man ein simpler Mensch ist; dass einem die sogeannte Bildung fehlt – es kann vieles bedeuten. An einem Gedicht möchte ich eine eigentümliche Leistung des Dialektsprechens aufzeigen:

„Der Fortschritt
hat keene Lust, sich
zu kümmern um
mir. Und wat mir anjeht, habick
keene Lust, mir
um den Fortschritt
zu kümmern. Denn
unsereins
war ja
wohl zuerst da.“
(Günter Bruno Fuchs: Schularbeiten)

Ob das nun richtiger Berliner Dialekt ist, sei dahingestellt; der Sprecher distanziert sich von Fortschritt und Fortschrittsbegeisterung, und zwar im Dialekt. Damit (neben der Gruppenumschreibung „unsereins“) ist er als ein Vertreter der kleinen Leute ausgewiesen, denen der Fortschritt zugute kommen sollte, was aber offensichtlich nicht der Fall ist – jedenfalls nicht in der Sicht der Sprechers. Deshalb distanziert er sich vom dem, was unter der Fahne des Fortschritts in großen bewegenden Worten (und auf Hochdeutsch, meistens in einem Bildungsjargon) gesagt wird, und zeigt in der Sprache der kleinen Leute das wahre Ziel des Fortschritts auf, das er auf seine Weise verfolgt.

Der Dialekt macht hier die Kritik am Fortschrittsgerede der Meinungsmacher plausibel, weil er die Sicht der kleinen Leute repräsentiert, denen der gepriesene „Fortschritt“ nicht zugute kommt.

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