Bildhaftes Sprechen – Formen und Eigenart

In Gedichten wird oft bildhaft gesprochen. Die wesentlichen Formen bildhaften Sprechens in unseren Herbstgedichten sind:
1. der Vergleich; er dient dazu, etwas anschaulich zu sagen. Es wird zwischen zwei verschiedenen Bereichen der Welt ein Bezug hergestellt: Die Astern neigen sich „wie blasser Kinder Todesreigen“ (Trakl). – Durch diesen Vergleich wird das Schwanken der Astern im Wind, also ihre Lebensäußerung, aufs Sterben bezogen. Ähnliches gilt für den irrealen Vergleich (mit Konjunktiv II): Die Rose ist, „als ob sie bluten könne, rot“ (Hebbel).
2. die Metapher; sie kann als verkürzter Vergleich gelten, da bei ihr das Vergleichswort fehlt. Der Sprecher springt von einem Bereich zum anderen, als ob sie benachbart, verwandt wären:
Das Ende des Sommers ist „ein Abschied mit Standarten“ (Kästner). – Durch die Metapher „Abschied“ wird dem Sommer einmal personale Bedeutung zuerkannt, zum zweiten wird so die mögliche Wiederkehr angedeutet.
3. die Personifikation; sie ist eine Sonderform der Metapher. Von Vorgängen, Gegenständen, Lebwesen oder abstrakten Begriffen wird wie von Menschen gesprochen; der Abstand des Menschen zur übrigen Natur wird aufgehoben: Die Mücke sucht sich eine Ruhegruft und ein Leichentuch (Keller).
4. das Symbol; es ist ein wahrnehmbares Zeichen oder Sinnbild, das für etwas Nichtwahrnehmbares steht. Die (blut)rote Rose steht für Vergänglichkeit aller Wesen:
„Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
sie war, als ob sie bluten könne, rot…“
(Hebbel).

*Gerade durch die Formen bildhaften Sprechens wird eine Beziehung zwischen dem, was [in unseren Beispielen] im Herbst geschieht und wahrzunehmen ist, und bestimmten Erfahrungen des menschlichen Lebens hergestellt. Diese werden so als herbstliches Geschehen erlebt und verstanden.
* Von den Formen der sogenannten rhetorischen Figuren könnte man folgende beachten: Allegorie, Euphemismus, Hyperbel (?),Metapher, Metonymie, Oxymoron, Periphrase (?), Personifikation, Symbol, Synekdoche (?), Vergleich (-> Erweiterungs-, Austauschfiguren!).

In der „Poetik in Stichworten“ (7. A., 1990) unterteilt Ivo Braak die Stilmittel insgesamt in Bilder und Figuren. In der Antike galt das begriffliche Sprechen als das ursprüngliche, das bildliche nur als dessen schmückende Einkleidung; heute sieht man umgekehrt in den Begriffen abgeblasste Bilder.
Braak unterscheidet die drei Hauptformen Metapher, Metonymie und Bild. Bei der Metapher unterscheidet er die kühne (neue), die verblasste und die formelhafte Metapher von den metaphorischen Sonderformen Synästhesie und Personifikation.
Von der eigentlichen Metonymie unterscheidet er die Sonderformen Synekdoche, Antonomasie und Appellativum.
Beim Bild kennt er außer dem einfachen Bild den Vergleich (mit den Untergruppen: gekürzter Vergleich; Gleichnis; Parabel), das Symbol und die Chiffre.

Überlegungen zum bildhaften Sprechen finden wir in der Theorie des Erkennens, des Lehrens und des Argumentierens. Es ist zu fragen, warum sowohl Leute, die andere belehren, wie solche, die andere für etwas gewinnen wollen, häufig bildhaft sprechen.
Beim Wissen steht dem Fall der allgemeine Satz gegenüber: Der Fall wird angeschaut, er ist als Faktum unwiderleglich; der allgemeine Satz steht im Zusammenhang mit anderen Sätzen, bildet so eine Theorie und muss durch Argumentation begründet werden; er ist widerlegbar.
Wenn ich (beim Handeln) weiß oder sehe, was in einem Fall richtig (gut) ist, gilt das auch für jeden wesentlich ähnlichen Fall; wenn ich (beim Wissen) sehe, was in diesem Fall womit zusammenhängt, kann ich das auch auf gleiche (ähnliche) Fälle übertragen. Es geht immer also um eine Übertragung, Verallgemeinerung des an einem Fall Gesehenen.
Eine letzte Unterscheidung trennt das echte Beispiel vom erdachten. Das erdachte Beispiel muss nach unserer Erfahrung möglich sein, plausibel sein; es wird eigens erdacht, um das vom wissenden oder (auf)forderdernden ICH bereits als wahr oder gut Erkannte anschaulich zu machen. Insofern gehört die Lehre vom bildhaften Sprechen in die Pädagogik oder Rhetorik. Das ICH kennt bereits das Ergebnis, während in der eigenständigen Erkenntnis das, was wahr oder gut ist, dem Ich erst aufgeht.
In der Pädagogik geht es um das Prinzip der Anschauung, die vom Lehrer organisiert wird. Die Anschauung einer Sache steht zwischen der bloßen Mitteilung und dem tätigen Umgang. Sie machen auf verschiedene Weisen Erfahrung zu erwerben möglich. – Formen des bildhaften Sprechens voneinander abzugrenzen ist eine Aufgabe für sich.
Wer bewusst bildhaft spricht,
a) kennt die Wahrheit in allgemeiner Form,
b) distanziert sich (durch Verfremdung) vom Streitgespräch,
c) fordert zum selbständigen Denken und Urteilen auf,
d) spricht kunstvoll und geistreich mit anderen.
Die bildhafte Rede wird ausdrücklich gekennzeichnet; oder man merkt „irgendwie“, dass das redende ICH bildhaft spricht. Ich glaube, dass man diese Argumentationstechnik in einer Kultur erlernt und dann ein Gespür bekommt, ob wohl bildhaft oder sachlich-wörtlich gesprochen wird; die Frage ist, ob in dieser Argumentationskultur dem Unterschied „wörtlich gemeint“ vs. bildhaft gesprochen große Bedeutung zukommt und ob nicht kluges Übertragen zu lernen eine Frage menschlicher oder intellektueller Bildung ist – man vergleiche bloß die Technik des Anschreiens in Talkshows!

Zur Theorie der Metapher s. den Aufsatz Eibls!

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