Analysieren – erste Skizze einer Theorie

Je länger ich Deutsch und Philosophie unterrichte, desto klarer ist mir geworden, wie Texte bzw. verschiedene Textsorten zu analysieren sind; ich habe meine methodischen Einsichten und Ratschläge schriftlich festgehalten, ohne dass den Schülern immer aufgegangen wäre, worum es geht, vor allem jedoch nicht, dass Analysieren eine weitgehend gleich bleibende Tätigkeit ist. Deshalb will ich hier versuchen, zur Einführung in die verschiedenen Arbeitsblätter die elementaren Überlegungen zu skizzieren, welche hinter jenen stehen, sozusagen die Seele der Arbeitsblätter zu beschwören.
Diese Überlegungen haben den Charakter eines Modells, d.h. sie vereinfachen die Wirklichkeit, um Strukturen erkennbar zu machen; ich möchte die Gleichheit allen Analysierens und die Verschiedenheit der einzelnen Formen aufzeigen. Und nicht zuletzt: Viele Fragen bleiben offen, manche habe ich vielleicht selber nicht gehört.
[Damit die Schema-Bilder der Modelle verständlicher werden, habe ich den ganzen Aufsatz in „Schemata -> k“ bei bloghof.net neu aufgelegt.].

1. Modell: Analyse eines Sachtextes

Text:
………………………………………..
(Ein Autor spricht zu Hörern)
( über ein Thema )
( in einer Situation. )
………………………………………..

Wir haben hier vier Größen (Autor, Hörer, Thema, Situation) in einem Modell-Kasten vor uns, welche als „Faktoren“ der Größe „Text“ verstanden werden sollen. Situation ist zunächst der organisatorische Rahmen, in dem Menschen zusammenkommen: ein Ärztekongress, ein Parteitag, eine Schulstunde. Heute sind viele Situation medial gegeben: ein Zeitungsartikel, ein Sendung im Fernsehen usw.; man wird dann immer auch fragen dürfen: Was für eine Zeitung ist das, wer finanziert den Kongress (usw.)? „Situation“ wird ferner in einer weiteren Bedeutung verwendet: „Thema in einer Situation“. Damit sind zum Beispiel gemeint:
– auf dem Kongress: Welche Folgen des Rauchens sind nachweisbar?
– auf dem Parteitag: Vor welchen Probleme der Energieversorgung steht unser Land?
– in der Schulstunde: Warum ist die Revolution von 1848 gescheitert?
Situation, das heißt also, dass ein Problem besteht, wozu schon viele Leute sich geäußert haben; auf dieser Grundlage steht jetzt die neue Äußerung. Die Hörer haben eine mehr oder weniger klare Vorstellung vom Problem und von den bisherigen Äußerungen, vermutlich auch eine bestimmte Einstellung dazu, und erwarten vom Autor, dass er etwas Neues zu sagen hat und sie in ihrer Einstellung bestätigt. Der Autor entwickelt einen Gedankengang, in dem er eine Lösung des Problems vorschlägt; dazu muss er sich auf die bisherigen Äußerungen beziehen (zustimmend, ablehnend), sich am Vorwissen seiner Hörer orientieren und ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und vor allem zu erhalten suchen.
Da es viele Situationen gibt, in denen wir leben, vom Brötchenkauf bis zum Liebeskummer, gibt es auch viele Arten von Themen und Texten; unser Modell richtet sich eher auf die Texte, die einen gewissen theoretischen Wert beanspruchen.

2. Modell: Analyse eines Gedichtes

Text:
……………………………………………..
(Ein Ich  spricht                     zum Du)
<Autor> ( über ein Thema) <Leser>
( in einer Situation. )
…………………………………………….

Wir haben hier einen fiktionalen Text vor uns; das heißt, dass „innerhalb“ des Textes eine fiktive Kommunikation vorliegt, während Autor und Leser außerhalb dieser Kommunikation stehen und sie entweder (als Autor) fabriziert haben oder sie lesend verfolgen – „lesend“ steht hier für jede Form der Wahrnehmung, also auch fürs Hören einer Rundfunksendung oder Dichterlesung bzw. fürs Zuschauen. Das Du ist in der Regel nicht greifbar, muss aber implizit als Zuhörer des Sprechers hinzugedacht werden; primär ist das Du vom Sprecher angesprochen, nicht der Leser – der Sprecher kennt den Leser nicht. Die fiktive Situation, in der der Sprecher sich befindet, welcher übrigens oft nicht als Ich greifbar ist, muss ebenso wie sein Thema aus seiner Äußerung herausgehört werden. Das ist nicht einfach, aber mittels verschiedener Methoden eben doch möglich; anderfalls wäre das Gedicht nicht zu verstehen.
Ich schränke meine Überlegungen gleich wieder ein: Es gibt auch Erzählgedichte, die teilweise vom Sprechtypus „erzählen“ her verstanden werden müssen; es gibt dialogische Gedichte, es gibt viele Sorten von Gedichten…
Ebenfalls muss ich zu bedenken geben, dass der Autor sich vielleicht doch in der Überschrift des Gedichtes zu Wort meldet. – Hier bleiben also Fragen offen.
Eine Unterscheidung möchte ich noch vorschlagen, wobei ich nicht weiß, wie viele Literaturtheoretiker ich hier hinter mir habe: Analysieren heißt, den Text „in sich“ zu verstehen, als eine geordnete Abfolge von Äußerungen. Interpretieren heißt, ihn in Beziehung zu anderen Werken des Autors oder der Epoche, zu Werken ähnlicher Thematik, zu seiner Wirkung und zur Geschichte seines Verständnisses zu setzen.

3. Modell: Analyse einer Dramensszene

Text:
…………………………………………….
(Ein Ich  spricht               mit einem Du)
<Autor> ( über ein Thema ) <Leser>
( in einer Situation. )
…………………………………………….

Hier sieht man schnell, dass das Modell (zu) einfach ist: Ein Ich kann auch zu sich selbst (Monolog) oder mit mehreren anderen sprechen; aber der entscheidende Unterschied gegenüber der Lyrik ist der, dass hier „mit jemandem“ gesprochen wird, dass also die Rollen Sprecher-Hörer wechseln (können). Der zweite bedeutende Unterschied ist der, dass eine Szene in einer Abfolge von Szenen steht; die räumlich konstituierte Situation wechselt also. Ich und Du sind zudem zeitlich werdende oder gewordene Größen: Sie haben eine Vorgeschichte, und meistens (oder oft) führt eine der beiden Personen das Gespräch herbei. Als Leser oder Zuschauer muss ich also den Rahmen der jeweiligen Szene bedenken, wenn ich sie verstehen will; außerdem ist sie durchweg nicht die letzte Szene, es geht also im Geschehen noch weiter.
Der Autor meldet sich hier stärker zu Wort: in der Szenenfolge, auch in den Regieanweisungen. Es melden sich aber auch die zu Wort, die das Stück aufführen; das sind nicht nur die Schauspieler, sondern vom Regisseur bis zur Schneiderin alle, die an der Verwirklichung des Textes mitarbeiten. Und wenn das Stück nicht aufgeführt, sondern nur gelesen wird, setzt zumindest der Vorleser Akzente, wie bereits beim Gedicht.

4. Modell: Analyse einer Erzählung

Text:
………………………………………………………………………
( Ein Erzähler spricht zu Hörern: )
<Autor> ([Leute leben, handeln miteinander,]) <Leser>
([ in vielen Situationen; ])
([ es erfolgt eine große Änderung. ])
………………………………………………………………………

Hier ist innerhalb des Text-Rahmens ein weiterer Rahmen […] gezogen worden; die Figuren handeln und sprechen nämlich nicht „unmittelbar“ miteinander wie im Drama, sondern es wird prinzipiell über sie von einem Erzähler berichtet. Dieser Erzähler kann auch eine Figur der „Leute“ sein – es gibt da viele Möglichkeiten, dem Erzähler eine Position zu geben; er nimmt jedenfalls auf mehreren Wegen Einfluss auf die Darstellung, etwa indem er sich für ein Ereignis Zeit nimmt, indem er die Figuren selber zu Wort kommen lässt (wörtliche Rede), indem er Vergangenes nachträgt oder verschweigt, indem er Ereignisse kommentiert oder nicht kommentiert.
Wichtig ist es zu sehen, dass „im“ erzählten Geschehen sich das Thema kristallisiert, wie im Drama in der Abfolge der Szenen sich das Thema herausschält; „Thema“, damit ist hier das gemeint, was etwa Elisabeth Frenzel in ihrer Sammlung der „Motive der Weltliteratur“ zusammengestellt hat; wichtig ist hier noch der Hinweis, dass stets eine Änderung geschehen muss, soll überhaupt etwas erzählt werden können: wie die Eltern böse werden, wie ihr Handeln ihre Familien zerstört, wie die Liebe der Kinder an diesem Schicksal zerbricht (Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe). Ansonsten gilt über die Figuren, dass sie langsam im Erzählen Gestalt gewinnen; dass ihre Lebenssituationen sich verändern können, weil große Zeiträume erzählerisch gerafft werden können. Erzählen ist von sich aus eine distanzierte Form der Wiedergabe; aber in einer Ich-Erzählung oder bei einem anonymen Erzähler kann auch jede Distanz aufgehoben sein – das Erzählen ist eine Sprechweise, die viele verschiedenartige Formen einschließt.
Hier hat der Autor vor allem in der Konstruktion des Erzählers und seiner Erzählsituation die Karten gemischt.

Fazit:
Was tue ich, wenn ich einen Text analysiere? Allgemein gesagt schaue ich dem Sprecher auf den Mund und höre ihm nicht nur zu; ich betrachte, wie er seine Äußerung, seine Äußerungen macht, was er dabei und damit tut . Es genügt also weder, seine Äußerungen innerlich nachzuvollziehen (obwohl das eine Voraussetzung des Verstehens ist), noch genügt es, sie aus seiner Sicht zu reproduzieren. Analysieren heißt „besprechen“ im Sinn von Harald Weinrichs Unterscheidung „besprechen – erzählen“; Tempus der Analyse ist dehalb das Präsens. Wer analysiert, gewinnt einen eigenen Standpunkt außerhalb der untersuchten Darstellung; sonst könnte er nicht untersuchen, was da „geschieht“, was der Sprecher also tut.

Die Methoden-Arbeitsblätter zum Analysieren stehen in dieser Kategorie „Methodisches“.Mehr...

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