Über die Bedeutung von Antonymen

– wobei „Bedeutung“ hier heißt: ihre Wichtigkeit, ihre Funktion für das Verstehen.

Irgendwo in meinem kulando.de-Blog (aber hier auch) habe ich zwei Artikel darüber, dass sprechen heißt, fortwährend Unbestimmtes in Bestimmtes zu verwandeln. In Bestimmtes verwandeln, das heißt zum Beispiel: „Am nächsten Morgen [also nicht am Abend] kam [also nicht ging] ein Kind [also nicht ein Erwachsener] fröhlich … usw.“ Man sieht hier, wie durchs Bestimmen jeweils eine andere Möglichkeit ausgeschlossen wird – ja nicht nur eine, sondern viele andere Möglichkeiten! Ich zeige das nur an zwei Beispielen: „Am nächsten Morgen [also nicht eines Tages, nicht am Abend, nicht am übernächsten Morgen, nicht am übernächsten Abend …] kam [also nicht ging, nicht fiel, nicht lachte, nicht kaufte …] ein Kind … usw.“ Hier berührt sich die paradigmatische Entscheidung des Sprechers mit der Suche nach Antonymen: Alles paradigmatisch Mögliche ist in gewisserweise an gerade dieser Stelle ein Antonym des gewählten Wortes.

Für die normale Untersuchung eines Textes heißt das: Es ist zu fragen, welche Haupt-Möglichkeit gerade ausgeschlossen worden ist. Oder zu Deutsch: Welches Antonym ist das gerade hier passende Antonym? In den Antonymen-Wörterbüchern findet man die wichtigsten „normalen“ Antonyme; es sind oft mehrere, zum Beispiel „beenden / fortsetzen“, aber auch „beenden / anfangen“ oder „beenden / gestoppt [oder: unterbrochen]  werden“. – Der Ehrlichkeit halber muss man aber zugestehen, dass das Antonym eine Verengung der vielen paradigmatischen Möglichkeiten darstellt.

Einen schönen kleinen Aufsatz hat Freud im Zusammenhang der Traumdeutung über dieses Phänomen geschrieben: Über den Gegensinn der Urworte. Uns interessiert hier nicht die Traumdeutung, sondern die Deutung von sprachlichen Äußerungen. Der Aufsatz ist lehrreich, weil er sich auf die Sprachforschungen des Herrn K. Abel stützt, welche Freud ausführlich zitiert – diese Zitate zu lesen ist interessant: wie das Wort „ken“ im Altägyptischen sowohl ’stark‘ wie ’schwach‘ bedeutet…

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