Die Klangform des Gedichts

Das ist der Titel eines „Arbeitsgangs“ im Lehrbuch „Deutscher Sprachspiegel. Sprachgestaltung und Sprachbetrachtung. Ausgabe für Gymnasien“, Bd. 2, erarbeitet vom August Arnold, Erika Essen und Hans Glinz, Düsseldorf 1971 (13. Auflage), S. 109 ff. Wer dieses Lehrbuch und den Folgeband (Bd. 3, Erika Essen ist durch Werner Zimmermann ersetzt worden) mit dem Arbeitsgang „Vers und Reim“ (S. 90 ff.) besitzt, kann sich glücklich schätzen – solche gründlichen Anleitungen zum Hören von Gedichten gibt es heute nicht mehr; die Schüler sollen heute lernen, an Gedichten herumzubasteln und Standbilder zu bauen.
Ein Gedicht ist ein Gebilde, das man eher hören als lesen soll – das ist die Idee, welche hinter dem Wort „Klangform“ steht; lesen soll man es natürlich auch, aber das Lesen hat im Dienst des Hörens zu stehen. Zur Klangform gehören zwei Größen, der Gestus und der Rhythmus des Gedichts. Über den Gestus (im Sinn Brechts) ist das Nötige in dem Aufsatz „Zuerst den Aufbau von Gedichten untersuchen“ gesagt. Deshalb bleibt hier nur

der Rhythmus des Gedichts

als Thema der Untersuchung übrig. Wir befassen uns jetzt also mit der Frage: „Wie spricht der Sprecher?“ – Es bleibt festzuhalten, dass Tempo und Lautstärke des Sprechens sowie die Melodie der Stimme (Höhe, Pathos) vom Sprechakt bestimmt sind und deshalb dort untersucht werden müssen. [Die klassische Unterscheidung von „Inhalt und „Form“ ist also hinfällig, wenn man sprachliches Handeln versteht.]
Für den Rhythmus bleiben zwei Größen zu untersuchen, die Betonung von Silben (Wörtern) und die Pausen beim Sprechen. Die Größe, die diese Fragen aufwirft, ist die Tatsache, dass die Grundeinheit eines Gedichtes der Vers ist.

1. Über den Zusammenhang von Vers und Satz
Die Einheit einer „normalen“ Äußerung ist der Satz; die Einheit eines Gedichtes ist der Vers. Wodurch unterscheidet sich der Vers vom Satz?
Ein Gedicht besteht als Gedicht in der Regel aus mehreren einander zugeordneten Versen; ein Gedicht als Text besteht dagegen aus Sätzen. Die Verse können aus Sätzen bestehen, müssen es aber nicht. Was ein Vers ist, sieht man, wenn das Gedicht gedruckt vorliegt; man müsste es hören, wenn es gesprochen wird. [Da wir in der Schule durchweg das Lesen und nicht das Hören trainieren, fällt es Schülern schwer, Verse im Hören zu erkennen.] Auch wenn es verschiedene Arten von Versen gibt, gilt als Merkmal des Verses, dass er rhythmisch gegliedert ist, also aus mehreren Takten besteht, zumindest aus einer bestimmten Anzahl betonter Silben. Die geordnete Zusammenstellung von Versen gleicher oder unterschiedlicher Bauart macht eine Strophe und macht letztlich das Gedicht aus.
Dem Takt im deutschen Gedicht liegt die Tatsache zugrunde, dass Wörter oder Wortgruppen in bestimmter Weise betont werden. Informiere dich über die Taktformen (Metren, d.i. Plural von Metrum – das lateinische Wort Metrum = „Maß“ erinnert daran, dass im Lateinischen und Griechischen die geregelte Abfolge von langen und kurzen Silben das Merkmal des Versfußes war) des Jambus usw.

2. Über die Betonung von Silben
In Wahrheit werden natürlich Wörter betont, nicht Silben; aber da bei einer schematischen Darstellung Silben und nicht Wörter um des Versmaßes willen durch Zeichen repräsentiert werden, weil im Takt Silbenabfolgen beachtet werden, sagt man normalerweise, dass „Silben“ betont würden.
Führen wir also das Zeichen e für eine Silbe [normalerweise nimmt man x, aber mit meiner Maschine kann ich auf das x keinen Akzent setzen] ein und die Akzente é für eine stark betonte, è für eine schwach betonte Silbe. An der ersten Strophe des Gedichtes „Abseits“ von Theodor Storm können wir jetzt die Darstellung der Betonung vorführen:

„Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.“

Rein für die Anzahl der Silben sieht die Strophe als Schema folgendermaßen aus:
e e e e e e e e
e e e e e e e e e
e e e e e e e e
e e e e e e e e e
e e e e e e e e
e e e e e e e e
Jede zweite Silbe vom Versanfang an wird hier schematisch betont: Das Metrum ist ein Jambus. Das sieht dann so aus, wenn man das Zeichen / für das Ende eines Taktes einführt (nur die beiden ersten Verse):
e é /e é /e é /e é /
e é /e é /e é /e é /e
Läse man das Gedicht so, würde man nur leiern; dem Gestus des Sprechens: dem Ausdruck der Freude oder Begeisterung des Sprechers bei der Beschreibung seiner Eindrücke, entspricht eine andere Betonung:
e è e é e é e è
e è e é e é e è e
e é e è e é e é
e è e é e é e è e
e é e é e é e è
è e e é e é e è
Das ist ein Vorschlag, wie man die Wörter betonen soll: Stark betont würden „still, Heide, Mittag, Sonne, Rosen, Schimmer, fliegt, alten, Gräber, Kräuter, blühn, Heide, blau, Sommer“. Außerhalb der Reihe ist „steigt“ (mehr oder weniger stark) betont und damit deutlich hervorgehoben; diese Taktstörung (Akzentverschiebung) wird im Sprachbuch „Wort und Sinn“ Bd 9/10 (1977) Synkope genannt; aber dieser Begriff ist bereits anders besetzt (Auslassung eines unbetonten Vokals). Oft kann man darüber streiten, ob ein Wort stark oder schwach betont wird; außerhalb der Hörprobe gibt es keine Möglichkeit, über das Maß der Betonung zu entscheiden.

3. Über die Pausen im Gedicht

Es gibt mehrere Größen, die eine Pause beim Sprechen erzwingen oder nahelegen: das Satzende, der Reim, die Kadenz. Gehen wir sie der Reihe nach durch:
a) Ein Satzende liegt vor in V. 1, nach V. 2, 4, in V. 5, nach V. 6. Mit diesen klaren Pausen (Zeichen: //) sähe das Schema der 1. Strophe so aus:
e è e é //e é e è
e è e é e é e è e //
e é e è e é e é
e è e é e é e è e //
e é e é //e é e è
é e e é e é e è //
Wir haben also nach jedem zweiten Vers sowie mitten im ersten und fünften Vers eine klare Pause. Dass in V. 1, 3, 5 der Satz über das Versende hinausgeführt  und deshalb flüssig weitergesprochen wird, nennt man Enjambement.
b) Wenn ein Reimwort auftaucht, also der Klang an einen vorhergehenden Klang erinnert, erzeugt das eine minimale Pause. Weil hier zunächst ein Kreuzreim und dann ein Paarreim vorliegt, wird diese minimale Reimpause in den Versen 2, 4, und 6 spürbar, wo bereits die großen Satzende-Pausen vorliegen. Die Reimpausen fallen dort also nicht ins Gewicht; nur in dem auf V. 1 reimenden Vers 3 ist diese minimale Pause zu hören, sodass das Schema folgendermaßen aussähe (Zeichen: ‘):
e è e é //e é e è
e è e é e é e è e //
e é e è e é e é ‘
e è e é e é e è e //
e é e é //e é e è
é e e é e é e è //
c) In Vers 2 und 4 wird jeweils eine Silbe an die vier Takte angehängt; man nennt das eine weibliche Kadenz (unbetonte Silbe, nachklingend) und kann die als Anfang eines neuen, jedoch nicht vollendeten Taktes ansehen. Das heißt dann, dass hinter Vers 2 und 4 eine merkliche Pause entsteht, weil vom Taktgefühl her noch eine Silbe erwartet wird, die aber ausgespart ist. Weil in dieser 1. Strophe aber bereits die Satzende-Pausen hinter V. 2 und 4 liegen, fällt auch die Kadenz-Pause kaum ins Gewicht. (Als Pausenzeichen hätte ich / eingeführt.) – Damit wäre das Schema in 3. b) das Schema des Rhythmus dieser Strophe; der Gestus erfordert eine ruhige, besinnliche Melodie. Welche der betonten Wörter heller zu sprechen sind, gehört in die Untersuchung des Aufbaus. Der so verstandene Rhythmus ist jedenfalls so etwas wie der Fingerabdruck eines Gedichts.
Ein Gedicht ist also ein Gebilde, das man eher hören als lesen und an dem man auch nicht unnötig herumbasteln soll; aber das ist eine andere Frage. Mit den Ausführungen zu Aufbau, Klangform, Rhythmus eines Gedichts hoffe ich, auf stets postulierte „sinngemäße Betonung“ und den hilflosen Rekurs auf die zentrale Aussageabsicht [Wie findet man die?!] verzichten zu können.

4. Zum Rhythmus trägt ebenfalls die Abfolge der Satzglieder bei, wenn diese zugleich auch für den Sinn eines Satzes maßgeblich ist. In der Regel wird hier nur „Inversion“ als rhetorisches Mittel genannt; doch wäre auch alles zu beachten, was unter dem Stichwort „Satzklammer“ (und damit Spitzenstellung und Endstellung im Satz) vermerkt wird: https://norberto68.wordpress.com/2011/02/14/innere-gliederung-des-deutschen-satzes-die-satzklammer/
Das ist, was die Spitzenstellung betrifft, in folgendem Beitrag zu Hebbels „Sommerbild“ beachtet: https://norberto68.wordpress.com/2010/10/18/arbeitstechnik-genau-lesen-mit-worterbuch/

Eine große Untersuchung allein des Rhythmus des Gedichtes „Der Panther“ ist http://home.arcor.de/berick/illeguan/panther.htm.

Unter dem Stichwort „Klangform“ (und „Rhythmus“) habe ich vor einiger Zeit im Netz gefunden:
http://www.rcs-krueger.de/Wekzeug.htm (technisch schwer zu lesen)
http://www.german.sbc.edu/Verslehre.html (Verslehre)
http://privat.oliverkuna.de/deutsch.php?doc=21 (Beispiel: Heine)
http://home.arcor.de/sonnenblume69/trakl.htm#2.1.1 ( Formuntersuchung dreier Gedichte Trakls)
http://www.guido-nottbusch.de/doc/Sprachdidaktik_04.pdf sowie die Besprechung von Günter Waldmann: Produktiver Umgang mit Lyrik (rund 45 Seiten über die Klangform); unter „norberto42 Rhythmus“ findet man auch viele Links. Hervorragende Hinweise zum Verständnis von Klang und Rhythmus eines Gedichtes findet man in der Vorlesung „Praktische Stilistik“ von Prof. Bünting: https://www.uni-due.de/buenting/02StilLaut_Normalschrift.html. Vgl. auch diesen Aufsatz zu Intonation von Sätzen!

In meinen Arbeitsblättern zur Gedichtanalyse (Kategorie „Methodisches“ oder Suchwort „Gedichtanalyse“) sind Gedichte genannt, bei denen ich den Rhythmus eigens beachtet habe. Dort sind in der Kategorie „Lesen: Text(e)“ noch zwei Gedichte nach ihrem Rhythmus untersucht, und zwar Goethe: Gefunden, und Kästner: Die Entwicklung der Menschheit, unter der Überschrift „Rhythmus“ (1. und 2.). Rein technisch sind, von dem genannten Synkopen-Fehler abgesehen, auch die Ausführungen im Sprachbuch von „Wort und Sinn“ (9/10, 1977, bearbeitet von Billen, Hassel, Heller, König, Muthmann, Zabel, S. 114 ff.: Das Gedicht in Versform), nicht schlecht; und dass der Sprachspiegel über die Köpfe der Schüler ab Kl. 7 auch damals hinweggegangen ist, soll nicht bestritten sein – es geht hier nur darum, wo man etwas für die Hand des Lehrers findet; da muss man heute lange suchen…

In der wunderbaren „Grammatik der deutschen Sprache“ von Walter Jung (1990, gut sind die Auflagen ab 1978), die nur noch antiquarisch zu erwerben ist, gibt es Ausführungen über „Satzakzentuierung und Intonation“ (Nr. 330 ff.) und über „Die Wortbetonung“ (Nr. 1136 ff.). Die Nummer 6-2015 der Zeitschrift „Deutschunterricht“ (Westermann) ist dem Thema „Vorlesen – Vortragen“ gewidmet.

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2 thoughts on “Die Klangform des Gedichts

  1. Pingback: Gedichtanalyse, Gedichte analysieren – Überblick: meine Aufsätze (mit Beispielen) « norberto68

  2. Pingback: Rezitation von Gedichten « norberto42

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