Rückblick auf meine Pubertät

Heute bin ich 24. Wenn man mich fragt, wann ich in der Pubertät gewesen sei, würde ich schätzen: „So von 12 bis 17 vielleicht…“ Wenn man meine Eltern fragte, bekäme man eventuell eine andere Antwort. Hier fängt das Problem schon an: Was genau war eigentlich meine Pubertät? Wann fing sie an, wann hörte sie auf?

Ich glaube, dass die Pubertät eine Phase der Selbstfindung ist. Man erfasst auf einmal bewusst, dass man mit seinem Auftreten Reaktionen bei anderen hervorruft, und beginnt, sich selbst und seine Wirkung auf andere Menschen zu beobachten, um die eigene Persönlichkeit zu erfassen.

Meine Pubertät drehte sich neben der Beschäftigung mit mir selber um drei weitere Aspekte: Jungen, meine Eltern und meine Freundinnen.

1. Ich selbst

Mit 12 oder 13 habe ich angefangen, mir selbst zur Frage zu werden: Was macht mich aus? Wie sehen mich andere? Mögen mich andere? Wie unterscheide ich mich von anderen – wie kann ich mich bewusst abgrenzen? Dieser Prozess der Selbstfindung spielte sich auf mehreren Ebenen ab.

Zum einen fand ein innerer Veränderungsprozess statt. Ich habe in Frage gestellt, was ich in den Jahren zuvor mochte – seien es Lieder, Lieblingsfarbe, Witze usw. Oft habe ich kategorisch zunächst verneint, was ich vorher bejaht hatte – um dann teilweise wieder zu alten Vorlieben zurückzukehren, teilweise aber auch neue Vorlieben zu entdecken. Dieser Prozess ist zwar nicht komplett abgeschlossen; dennoch würde ich behaupten, dass ich seit dem Alter von 18 oder 19 weiß, was ich mag und was ich will.

Zum anderen hat mein Äußeres meinen inneren Veränderungsprozess widergespiegelt. Da waren einmal die Dinge, die leider irgendwie jeden Jugendlichen treffen und um die man kaum herumkommt: Pickel, feste Zahnspange, fettige Haare… Um diese lästigen Nebenerscheinungen möglichst auszugleichen und meine Individualität zu zeigen, habe ich angefangen, bewusst meine Kleidung auszuwählen und regelmäßig wechselnde Diäten durchzuführen. Während die Pickel und die Zahnspange inzwischen verschwunden sind, sind wechselnde Diäten als vergeblicher Versuch des Abnehmens immer noch Bestandteil meines Alltags.

2. Jungs und Partys

Jungs. Wie viel Zeit habe ich damit verbracht, über Jungs nachzudenken – warum der mich mag, den ich nicht mag, während der andere, den ich toll finde, mich nicht mag… Auch wenn der Gedanke an das andere Geschlecht ein wesentlicher Bestandteil des Lebens überhaupt ist, unabhängig von Jung oder Alt, so zeichnete sich meine Pubertät dadurch aus, dass sämtliche Emotionen ausgesprochen stark wahrgenommen wurden. Bei dem kleinsten Erfolgserlebnis schien alles wie auf Wolke 7, bei dem kleinsten Misserfolg saß ich mehrere Abende lang in meinem Zimmer mit lauter Musik und weinte… Aus heutiger Sicht war auch dies ein Teil meines Selbstfindungsprozesses. Ich habe gelernt, meine Wirkung auf Männer wie auch die Reaktionen von Männern auf mich einzuschätzen und einzuordnen. Zwar gibt es auch heute noch öfter Situationen, in denen ich mich über die Reaktion von Männern wundere (und die wird es wohl mein Leben lang geben) – allerdings bringt mich dies heute nicht mehr aus der Fassung, sondern ich bin im Stande, die Situation „von außen“ zu betrachten.

Eng verwoben mit dem Thema Jungs war das Thema Partys – waren diese doch essentiell, um mit Jungs in Berührung zu kommen. Partys mit all ihren Nebenerscheinungen wie Rauchen, Trinken und Kiffen dienen vor allem dazu, die eigenen Grenzen auszutesten und im Wettbewerb mit den anderen mitzuhalten. Ich für mich habe mich diesem Wettbewerb kaum gestellt. So habe ich bis heute noch nie an einer Zigarette gezogen; Vorfälle des Erbrechens nach Alkoholkonsum kann ich an einer Hand abzählen, und Drogen habe ich noch nicht mal in der Hand gehalten. Hier ist entscheidend, mit welchem Selbstbewusstsein man diesen Dingen gegenübertritt und ob man seinen eigenen Wert von Erfolg in diesem Wettbewerb abhängig macht. Da ich mir meiner Vorzüge durch schulische Leistungen etc. durchaus bewusst war, bin ich nie völlig in den Wettbewerb eingetreten und demnach relativ unbeschadet wieder herausgekommen.

3. Eltern

„Ihr versteht mich nicht!“ Dieser Satz ist wohl einer der Sätze, die am häufigsten durch den Kopf eines jeden Pubertierenden gehen. Der eine spricht ihn laut aus (meine Schwester brüllte ihn gelegentlich auch), der andere denkt ihn sich – aber die Abgrenzung von den Eltern stellte einen wesentlichen Part meiner Pubertät dar. Zunächst stellt man alles von den Eltern Kommende in Frage: die Lebensweise, die Ansichten, vor allem die Ratschläge. Die Grenzen, die bislang die Eltern gesetzt haben und die von den Kindern wie selbstverständlich akzeptiert worden sind, werden nun nicht mehr widerspruchslos hingenommen. Dass es auch für die Eltern eine neuartige Situation ist, dass ihre Kinder erwachsen werden, wird dabei aus der Kinderperspektive meist nicht bedacht.

Aus diesen Gründen findet sich wohl jeder Jugendliche in Diskussionen mit den Eltern wieder, wobei es darum geht, Grenzen neu zu definieren. Dies betrifft sämtliche Alltagsthemen – von Aufräumen über Taschengeld bis hin zu Weggehen. Lediglich in der Taktik unterscheiden sich Jugendliche deutlich. Während die einen den offenen Kampf suchen, um ihr Anliegen durchzubringen, habe ich mich auf die Strategie verlegt, einige Themen kompromissbereit zu diskutieren, wenn ich wusste, dass meine Eltern und ich uns einigen können. Andere Themen (z.B. „Wie lange darf ich am Wochenende weggehen?“), bei denen ich wusste, dass meine Eltern eine sehr gefestigte Meinung hatten, habe ich nicht diskutiert – ich habe andere Wege gesucht, um sowohl meine Wünsche auszuleben wie auch den offenen, sinnlosen Kampf zu vermeiden. Geendet hat dieser Prozess wohl, als ich 18 war, mit meinem Auszug aus dem Elternhaus nach dem Abitur – die räumliche Distanz hat uns allen einen Freiraum geschaffen. Meinen Eltern wurde meine Selbstständigkeit deutlich, und seitdem ist klar, dass alles, was sie mir mitgeben, nur noch gut gemeinte Ratschläge sind, die ich befolgen kann oder auch nicht.

4. Freundinnen

Eine weitere wesentliche Erkenntnis meiner Pubertät ist, dass beste Freundinnen nicht solche bleiben müssen. Während meiner Pubertät war ich davon überzeugt, meine beste Freundin würde immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens sein – für sie und mit ihr macht man ja alles, egal was passiert. Inzwischen wechsle ich mit meiner damaligen besten Freundin kein Wort mehr – und messe auch meiner jetzigen besten Freundin, die diesen Posten immerhin seit sieben Jahren innehat, eine andere Bedeutung zu, eine weniger kompromisslose Liebe.

Insgesamt hat sich mein Freundeskreis in der Pubertät einmal völlig gedreht – alle Freundinnen, die ich bis dato hatte, fingen auf einmal an, sich anzuzicken, übereinander zu lästern, die andere um jede Kleinigkeit zu beneiden und zu schneiden. Hier war für mich wichtig, dass ich nach 3 Jahren Zickenkrieg für mich beschlossen habe, aus diesem Freundeskreis auszutreten und mir neue Freunde zu suchen. Diesem Entschluss ging allerdings ein langer Entscheidungsprozess voraus, wobei ich häufig an mir selbst gezweifelt habe.

Fazit: An der Pubertät kommen wir nicht vorbei. Ich denke, dass es wichtig ist, mindestens genauso viel Zeit darauf zu verwenden, über sich selber und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche nachzudenken, wie auf die Überlegungen, wie die Umwelt einen wahrnimmt und welche Signale man der Umwelt senden muss oder möchte. Die große Frage ist, wie man von der Gelegenheit, viele Dinge auszuprobieren, profitieren und dabei die Pubertät möglichst schadlos überstehen kann.

Eva Tholen

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Pubertät ist die Zeit, in der die Eltern schwieriger werden. Natürlich ist diese Beschreibung nicht ganz ernst zu nehmen, drückt aber doch gut die Gefühle aus, welche Jugendliche während dieser Zeit haben.

Am allerbesten erinnere ich mich an die körperlichen Veränderungen. Alles fing mit dem Stimmbruch an, der häufig für Gelächter sorgte, wenn meine Stimme einmal wieder umschlug; doch gleichzeitig gab er mir auch die Bestätigung dafür, mich vom Jungen in einen Mann mit tieferer und kraftvollerer Stimme zu entwickeln. Auch die ersten Anzeichen wachsender Behaarung, ob im Gesicht oder am Körper, machten mich damals noch stolz; das nicht immer unbedingt notwendige Rasieren zelebrierte ich ausgiebig. Natürlich veränderte sich mein Körper auch sonst noch, ich wuchs sehr viel und schnell und wurde kräftiger. Doch dies passierte mit und mit, war also nicht so greifbar und unmittelbar wie die oben beschriebenen Phänomene zu erleben.

Doch auch innerlich passierte einiges mit mir. Ich fing an, mehr auf mein Äußeres zu achten. Ohne Gel in den Haaren verließ ich nur selten das Haus, was schon zum ersten Reibungspunkt mit meinen Eltern führte, die auf dem Tragen eines Fahrradhelmes bestanden, der beim morgendlichen Weg zur Schule nicht das Allerbeste für meine frisch gemachten Haare darstellte – gerade weil auch Mädchen eine immer wichtigere Rolle in meinem Leben spielten. Ich hatte unzählige „Willst du mit mir gehen?“-Beziehungen, über die man Rückblickend natürlich lächelt, die mir damals aber doch viel bedeuteten. Doch wie sollte man es mit der Freundin halten? Ich traute  mich nur selten, es meinen Eltern zu sagen, aus welchem Grunde, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls fanden Treffen in der Stadt, im Kino oder Schwimmbad statt, meistens heimlich beziehungsweise unter einem Vorwand. Dass zu den drei Freunden, mit denen ich mich traf, auch Mädchen gehörten, überging ich weitestgehend.

Vor allem zum Ende der Pubertät hin merkte ich häufig, dass die Vorstellungen meiner Eltern dramatisch von meinen abwichen. So wurde der Weg zum ersten eigenen Handy ein  harter Kampf. Ähnlich verhärtet waren auch die Fronten zwischen meinen Eltern und mir bei der Frage der Arbeitseinstellung zur Schule. Ich hatte in der Unterstufe recht gut begonnen, brachte aber als Standardnote zwischen der siebten und zehnten Klasse meistens nur ein „Befriedigend“ mit nach Hause. Was mich heute selber erstaunt, ist, dass mir diese Note damals völlig ausreichte und ich keinen Grund zur Verbesserung sah – ganz anders natürlich meine Eltern, was sich in Extraarbeit und Kontrolle der Hausaufgaben widerspiegelte, die von mir nur mit Unmut und halbherzig erledigt wurden.

Aus heutiger Sicht relativ spät entwickelte ich Interesse am Alkohol. Ich durfte zu Hause hin und wieder einmal ein Bier trinken, traute mich aber anfangs nicht, meinen Eltern zu erzählen, wenn es auch auf Partys alkoholische Getränke gegeben hatte. Doch spätestens ab meinem ersten Vollrausch, der eher für Lacher als mahnende Worte daheim sorgte, änderte sich dies.

Ich bin heute zwanzig und schon einige Jahre aus der Pubertät wieder heraus. Rückblickend muss ich sagen, dass ich meine Eltern in vielen ihrer damaligen Entscheidungen verstehen kann, auch weil mein Bruder gerade die Pubertät durchlebt und ich somit einen direkten Vergleich habe. Zudem wird vor allem am Beispiel der Schule deutlich, dass die Pubertät auch eine Zeit der Selbstfindung und Bestimmung des eigenen Standortes ist. Meine Leistungen besserten sich nämlich rapide in der Oberstufe, und auch jetzt während des Studiums treibt mich der Ehrgeiz an, welcher mir in den Krisenjahren verloren gegangen war.

Stefan Hagel

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