Wie schreibt man einen Leserbrief? (mit Beispielen)

Man kann die Eigenart des Leserbriefs verstehen, wenn man ihn mit dem dir bekannten persönlichen Brief vergleicht.

Ein Leserbrief ist ein Brief; das heißt,
dass man sich als Absender mit Namen und Adresse bekannt macht;
dass man den Adressaten anspricht („Sehr geehrte Frau Schmidt-Dreier“ oder „An die Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers“), obwohl er sich primär vielleicht an die anderen Leser richtet, weil man auf eine Veröffentlichung des Briefs hofft – die Anrede kann aber auch fehlen;
dass man zu Beginn klarmacht, worum es geht („In dem Bericht ‚Bei Pöbeleien dazwischengehen’ wird berichtet, dass in Herchen Schüler als ehrenamtliche Zugbegleiter eingesetzt werden.“).
Danach kann man so vorgehen, wie es im “Deutschbuch 7″ empfohlen wird…
Wenn man an Frau Schmidt-Dreier schreibt, wird man sich zum Schluss auch „Mit freundlichen Grüßen“ verabschieden; beim Brief an die Redaktion ist das nicht nötig.

Ein Leserbrief unterscheidet sich von einem persönlichen Brief
darin,
dass du keinerlei Interesse an der Person des Adressaten hast
und dass auch du selber als Mensch keine Rolle spielst, nur als Bürger und Träger von Erfahrungen -
dass es also vor allem, aber nicht nur „sachlich“ um eine Argumentation für oder gegen etwas geht
oder darum, zusätzlich zum bereits Gesagten weitere Aspekte zu benennen bzw. verschwiegene Voraussetzungen und Folgen aufzuzeigen.
Die SZ sagt: „Ein Leserbrief ist eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt eines Artikels oder Kommentars der Süddeutschen Zeitung. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Text zustimmend oder kritisch ist.“

Um meine erhabenen Einsichten an einem Beispiel aufzuzeigen, stelle ich hier einen Leserbrief vor, an dem du sehen kannst, wie man es machen kann:
„Interview H. Hordych in Kinderleben 1/2008, S. 8
In diesem Interview rechnet Harald Hordych die Vorgaben seiner Tochter Anna: 36 Schulstunden + 6 bis 7 Stunden HA = mehr als 40 Wochenstunden. Diese Rechnung läuft auf dem Milchmädchenniveau: 36 Schulstunden sind bloß 27 Zeitstunden; Anna liegt also deutlich unter 40 Wochenstunden Arbeitszeit. Die Polemik gegen G 8 sollte etwas intelligenter betrieben werden; und G 9 war selbst in Bayern offensichtlich auch nicht so toll, wie uns Harald Hordych vorexerziert.“
Du siehst hieran:
1. Ich nenne den Artikel eines Magazins der Zeitung.
2. Im ersten Satz habe ich das Thema vorgestellt, zu dem ich mich äußern möchte;
3. danach kommt die thesenartige Bewertung (eine halbe Zeile), danach die Argumentation, zum Schluss ein spöttischer Kommentar. [Der Autor hat ein Beispiel für die These der Überforderung durch G 8 gebracht; ich zerpflücke das Beispiel und polemisiere gegen die These von der Überforderung.] Ich schreibe also viel kürzer, als es in der Schule bei der Aufsatzform Leserbrief erwartet wird – kurze Briefe werden eher veröffentlicht als lange, auch wenn gelegentlich lange Leserbriefe abgedruckt werden (aber die stammen meistens von Professoren).
Das Thema bewegt mich, weil ich einerseits die Schüler insgesamt nicht für überfordert, sondern eher den Unterricht für schlecht halte; zweitens muss ich oft lachen, wenn ich höre, was die sogenannten Experten alles von sich geben. Aber davon sage ich hier nichts.

Leserbriefe zu Beiträgen der Zeitschrift „Gegenworte“ findest du unter http://www.gegenworte.org/leserbriefe.html. Am linken Rand kannst du oben die bisherigen Exemplare der Zeitschrift einsehen, unter “Kontakt” findest du ein Formular, um einen Leserbrief zu einem Beitrag der Zeitschrift zu schreiben – leider ist das jedoch keine Zeitschrift für Schüler einer 7. Klasse; du müsstest mindestens in der 10. Klasse sein, um die Beiträge der Zeitschrift zu verstehen oder diskutieren zu können, denke ich.

P.S. Ich habe mich zur Frage, wie man einen Leserbrief schreibt, kurz im Internet umgeschaut:
http://www.passwort-deutsch.de/forum/read.php?f=2&i=525&t=525
http://de.answers.yahoo.com/question/index?qid=20080213121214AASUBhp (sehr knapp)
http://honestlyconcerned.info/wie_schreibt.html (etwas zu lang) oder http://www.bw.dgb.de/rat_hilfe/material/Download_Materialien/Tipps_fuer_erfolgreiche_Leserbriefe.pdf/file_view
http://www.az-web.de/az/meinung/leserbriefe/leserbriefe_form.php (Formular, von der Zeitung vorgegeben)
http://www.gegenwind-whv.de/a21413.htm (Beispiele)

Zur Argumentation im Leserbrief bleibt festzuhalten
– der Unterschied zwischen These und Argument,
wobei ein Argument das ist, was man mit „denn…“ an die These anschließen kann. Die sogenannte These kann auch eine Forderung sein (Man soll Schülerordner in Bussen einsetzen…);
– der Unterschied zwischen Beispiel und Argument;
ein Beispiel ist ein einzelner Fall, den jemand eher zufällig erlebt hat (in Giesenkirchen auf dem Markt, vergangenen Mittwoch…); ein Argument ist ein allgemein gültiger Grundsatz (Wir sind für die Ordnung mitverantwortlich…), über dessen Anwendung man allerdings streiten kann. Die Frage ist oft, ob oder wie weit man Beispiele verallgemeinern darf (Was in Giesenkirchen passiert, kann in Köln und anderswo erst recht geschehen…);
– der Unterschied zwischen These, Forderung und Bewertung;
eine These ist eine erklärende Behauptung. Forderungen und Bewertungen sind keine Thesen, man sollte deshalb sie auch nicht so nennen, auch wenn man sie (so wie Thesen) begründen kann bzw. muss.

Diese Ausführungen grenzen sich gegen die Darstellung in Deutschbuch 7 von Cornelsen ab, die ziemlich schlecht ist. Sie ist auch zu starr – Leser sind viel beweglicher, als dass sie sich beim Schreiben auf die regelmäßige Abfolge von „These / Argumente / Zusammenfassung“ festlegen ließen. Es fehlt dort auch der Platz für Zorn, Spott, Ironie, die in Leserbriefen oft zu finden sind: Leserbriefe sind Briefe von Menschen, keine Muster logischer Argumentation. Ich halte es auch für verfrüht, in Kl. 7 Leserbriefe schreiben zu lassen; Erörterungen gehören ans Ende der Sek. I, erst recht, wenn man eine dialektische Erörterung einüben will.
Auch die in einem Kriterienkatalog vertretene Forderung, jedes Argument müsse nach dem Schema „These / Argument / Beispiel“ ausgestaltet werden, ist so nicht haltbar; wie kann man etwa Beispiele anführen, wenn man gegen eine unsinnige Neuerung eintritt [Schüler sorgen als Busbegleiter für Ordnung]?
Tipp für Verlage und Schulbuch-Autoren: Am besten studiert man richtige Leserbriefe, statt aus alten Schulbüchern abzuschreiben, wie man angeblich Leserbriefe zu schreiben hat.

Für die Cornelsen-Kritik im Einzelnen siehe hier!

P. S. Es gibt auch Zeitungen, die andere Leserbriefe als die SZ akzeptieren (z.B. die Antwort auf einen Leserbrief).

Zweites P. S.
Noch ein Beispiel für einen Leserbrief:

In der SZ vom 28. August 2009 berichtet Tanjev Schultz über eine Studie des DIW, „derzufolge fast jeder dritte Jugendliche eine Schulform besucht, die ihn unter- oder überfordert“. Konkret: Viele Arbeiterkinder besuchen nicht das Gymnasium, „obwohl ihre kognitiven Fähigkeiten auf Gymnasialniveau liegen“. [Gestern Abend in den Nachrichten: Am Gymnasium sind viele Akademikerkinder überfordert, an der Hauptschule viele Arbeiterkinder unterfordert.] Daraus wird dann die Forderung abgeleitet, die Schüler möglichst lange gemeinsam zu unterrichten, also das gegliederte Schulsystem zu verkleinern (oder abzuschaffen); damit sei beiden Fehlentwicklungen abgeholfen.
Zwei Fragen möchte ich, um der Ehrlichkeit und des pädagogischen Erfolgs einer Schulreform willen, stellen, zu denen die Studie nichts sagt:
 1. Wie viele Schüler sind am Gymnasium unterfordert, wie viele sind an der Hauptschule überfordert? Von denen wird nicht gesprochen, obwohl diese beiden Gruppen die Schere der Leistungsfähigkeit weiter öffnen könnten und damit gegen eine Einheitsschule sprächen.
 2. Es wird in der Studie (resp. im Bericht darüber) nur vom sozialen Status (Arbeiterkind vs. Akademikerkind) und von den kognitiven Fähigkeiten gesprochen, zwischen denen die für Arbeiterkinder ungünstige Diskrepanz besteht. Warum wird nicht bedacht, dass für den Schulerfolg auch die Leistungsmotivation, die Vorstellung von Lebenszielen und die Art der Lebensführung wichtig sind?
Zwischen Geburt (Arbeiterkind) und Schulstatus liegt die Erziehung durch die Eltern und andere, die auch Leistungsmotivation und Lebensführung prägt. Was nützen alle kognitiven Fähigkeiten, wenn die Sozialisation ausgesprochen schulunfreundlich verläuft?
Damit will ich nicht Reformbemühungen abwürgen oder das gegliederte Schulsystem retten – ich will nur sagen, dass zwischen Geburtsstatus und Schultyp viele Faktoren vermitteln und dass die bloße Einheitsschule nicht nur nicht alle Probleme lösen, sondern auch neue erzeugen wird. Meine Frau arbeitet in einer Gesamtschule und eine gute Freundin hat in Berlin-Wedding in einer Grundschule gearbeitet: Die soziale Wirklichkeit ist viel komplizierter, als in der genannten Studie mit den drei Faktoren „Elternstatus, kognitive Fähigkeiten, besuchter Schultyp“ bedacht wird.
Wollen wir wirklich alle Begabungen fördern, müssen wir auch prüfen, wie und was unterrichtet wird (und nicht nur: in welchem Schultyp); und wir müssen die Rechte vieler Eltern zugunsten staatlicher Programme einschränken – aber auch die werden nur von Leuten durchgeführt, die freitags spätestens um 14.00 Uhr Feierabend haben wollen. Gute Eltern sind halt schwer zu ersetzen – aber was sind gute Eltern, und wo kriegen wir sie her?

Norbert Tholen, Römerstr. 8, 41363 Jüchen

Das war mein Leserbrief an die SZ, geschrieben am 28. August 2009. Davon hat die SZ die letzten drei Absätze (ab „Zwischen Geburt …“) am 4. September gedruckt, zusammen mit drei anderen Briefen oder Briefauszügen; es ist also nur die Argumentation gedruckt worden, mit der ich die Verengung der Sicht auf die genannten drei Faktoren kritisiere; der Kontext fehlt – der Platz in der Zeitung ist knapp.

Ein weiteres Beispiel steht hier.

Noch ein Beispiel:

Betreff: Kommentar Prantls vom 16. März

In seinem Kommentar erhebt Prantl die schlimmsten Vorwürfe gegen die Verfassungsrichter in NRW. Seiner Logik kann ich jedoch nicht folgen: In der Verfassung ist vorgeschrieben, dass die Neuverschuldung nicht größer als die Summe der Investitionen sein darf. Wozu steht das denn in der Verfassung, wenn nicht um ein Maßstab der Haushaltspolitik zu sein? Es gibt bei einem Verstoß gegen diesen Maßstab als einzige Entschuldigung den Hinweis auf die Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts. Also ist doch zu prüfen, ob dieser Hinweis plausibel oder bloß ein taktische Ausflucht ist. Wer soll das nun aber prüfen, wenn nicht das Verfassungsgericht?
Mit seiner Verurteilung des Gerichtsurteils gibt Prantl den opportunistischen Sprüchen einer Regierung größeres Gewicht als dem Urteil des Verfassungsgerichts. Das ist deshalb traurig, weil hier offenbar der Parteigänger Prantl den Juristen wie auch den Bürger Prantl überwältigt hat. Wie opportunistisch Politiker Recht beugen, sieht man ja auch an Merkls sogenanntem Moratorium: Da wird vor wichtigen Landtagswahlen ein Gesetz per Verordnung außer Kraft gesetzt. Und in NRW wird das fröhliche Schuldenmachen der neuen Regierung mit dem Hinweis auf die Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts begründet (wobei es nach dem Urteil auf einmal möglich ist, geplante Ausgaben zu kürzen). Dass Rot-Grün das finanzielle Gleichgewicht des Landes stört, davon spricht Herr Prantl leider nicht.

Norbert Tholen, Jüchen (Die beiden roten Sätze wurden beim Abdruck des Leserbriefs gestrichen.)

Ein Beispiel für einen zustimmenden Leserbrief:

Bartens: Schlechtes Vorbild Arzt (SZ 12. April 2011)

Bartens gibt mit seinem Überblick über die Praxis der Ärzte, die lieber andere operieren (lassen) als sich selbst, uns allen als Patienten zu denken. Der Kern seiner Erklärungen dafür lautet: “In Medizinerfamilien ist bekannt, dass etliche Operationen riskant und nicht unbedingt nötig sind.” Was Bartens dann als weitere Erklärung (“zusätzlich”) hinterherschiebt, ist nur eine Umschreibung der zitierten Erklärung. Generell wird man sagen, wenn man den Ärzten nicht einfach Angst vor dem Messer unterstellen will: Die Ärzte schätzen den Nutzen von Operationen im Verhältnis zu den Risiken und Nebenwirkungen (“Kosten” im weiteren Sinn) nicht so günstig ein, wie sie uns Patienten einreden wollen. Ob auf die Frage, “wie der Mediziner für sich oder seine Angehörigen entscheiden würde”, immer eine ehrliche Antwort gegeben wird, darf man bezweifeln – obwohl ich selber so gelegentlich frage; etwas anderes bleibt einem Patienten in seiner Hilflosigkeit auch kaum übrig.
Das Thema ist so wichtig, dass ich mir wünschte, die SZ resp. Herr Bartens würden es in einem großen Essay intensiv und systematisch behandeln und öfter wieder aufgreifen. Vielen Dank für den Bericht!

Norbert Tholen, Jüchen

Weitere Beispiele für Leserbriefe: http://norberto68.wordpress.com/2012/08/01/leserbriefe-beispiele/

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