Was ist ein Argumentationsansatz? (mit Beispiel)

Untersuchungen zu einer Aufgabenstellung im Abitur 2007

Bei der Aufgabe im Abitur 2007, die Argumentation in Sachtexten zu analysieren, geht das „Ministerium für Schule und Weiterbildung“ NRW so vor, als sei allen bekannt, was ein Argumentationansatz ist: „Stellen Sie den Argumentationsansatz und den Argumentationsgang des Textes unter Berücksichtigung der Darstellungsweise und der Argumentationsstrategie dar.“
Ich behaupte dagegen: Was ein Argumentationsansatz ist, ist nicht eindeutig klar. Das ergibt sich einmal daraus, dass man das Wort weder in philosophischen Fachwörterbüchern noch in gängigen Wörterbüchern der deutschen Sprache findet (einschließlich: Duden: Deutsches Universalwörterbuch; Wortschatz der Uni Leipzig). Das ergibt sich zum Zweiten daraus, dass der Begriff ganz unspezifisch gebraucht wird.

Ich habe in der Suchmaschine ixquick „Argumentationsansatz“ eingegeben und die ersten 20 Nennungen untersucht; dabei gab es einige Wendungen mehrfach. Das Ergebnis sieht so aus, dass häufig „Argumentationansatz“ für sich allein gebraucht wird (wie in der Aufgabenstellung im Abitur 2007) oder dass es problemlos durch „Argument“ oder „Argumentation“ ersetzt werden kann. Dazu werde ich unten noch etwas sagen.

Im Folgenden nenne ich einige andere Beispiele:

1. „Des weiteren weist das Landgericht auf die Knappheit von Domain-Namen hin, weshalb, so das Gericht, kein Raum für Platzhalter sein könne und bereits aus der Natur der Sache heraus ein Freihaltebedürfnis bestehe.
Eine Domainblockade durch die Beklagte, im Hinblick auf Domain-Namen, die nur potentiell für die Topware AG von Interesse sind, sei, so das Gericht, wegen der Resourcenknappheit im WWW rechtsmißbräuchlich.
Gerade dieser internetspezifische Argumentationsansatz ist recht bemerkenswert, da er in vielen anderen Entscheidungen zu ähnlich gelagerten Fragestellungen zumeist fehlt.“
Hier bezeichnet „der internetspezifische Argumenatationsansatz“ die Tatsache, dass die Eigenart des Internets bei der Argumentation berücksichtigt wird.

2. „Der Hauptteil lässt in drei Teile gliedern, in denen die gegebene Problematik aus drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Cicero beginnt mit einem Argumentationsansatz auf dem Gebiet der Physik [III,5-V,11], dessen Ausgangspunkt (vermutlich beträchtlicher Länge) allerdings verloren und somit nicht nachvollziehbar ist. In der erhaltenen Passage verwirft der Redner kosmische Sympathie und natürliche Veranlagung als mögliche Beweise für das als eine unendliche und allumfassende Kausalkette verstandene Fatum. Daraufhin fährt er mit einem logischen bzw. metaphysischen Ansatz fort [VI,12-XVI,38] und hält nach ausgiebiger Untersuchung der korrekten Formulierung von Bedingungssätzen und Ereignisbeschreibungen sowie des Satzes vom Widerspruch fest, dass die logisch notwendige Wahrheit von Urteilen keine reale Notwendigkeit der in ihnen beschriebenen Ereignisse nach sich zieht. Diese semantische Untersuchung verdrängt in ihren Ausmaßen das eigentliche Thema von ‚De fato’ und lässt die Determinismus-Frage in den Hintergrund treten. Im letzten erhaltenen Part des Vortrags [XVII,39-XX,48] argumentiert Cicero wieder auf physikalischem Gebiet; er untersucht die stoische Vorstellung vom Vorgang menschlicher Willensentscheidung und zum wiederholten Male Epikurs Idee der spontanen Bahnabweichung der Atome und hält fest, dass kein Ansatz den freien Willen adäquat zu beweisen vermag. In der stoischen Differenzierung der Ursachen sieht er sogar die Aufhebung des Zwangscharakters des Fatums.“
Hier bezeichnet “Argumentationsansatz” (A.) die besondere Perspektive oder den Bereich der Argumentation. Mit etwas gutem Willen könnte man das hier A. genannte Vorgehen auch „Argumentationsstrategie“ nennen, siehe den Aufsatz dazu!

3. „Craig Morris erklärt zunächst, warum die Einwände gegen erneuerbare Energien meist auf Fehlinformationen basieren, und verfolgt so einen ganz anderen Argumentationsansatz als andere Autoren, die mehr das Potenzial dieser Energien unterstreichen. Dann zeigt er auf, wie der richtige Mix aus Biomasse, Solarenergie, Windkraft, Geothermie, Wasserkraft und Effizienz aussehen kann.“
Was hier A. heißt, würde ich eher Argumentationsstrategie nennen.

4. „so müssen Argumentationsansatz (explizite und implizite Voraussetzungen) sowie Argumentationsgang analysiert werden“ (Arbeitsblatt des Kollegen Schinka)
Hier ist abstrakt gesagt, was A. heißen soll, ohne dass damit klar wäre, was jeweils gemeint ist.

5. „C.1. Homosexualität in der Bibel – drei unterschiedliche Ansätze von Befürwortern der Homosexualität
In Umgang mit den Aussagen der Bibel sind bei den Befürwortern der Homosexualität unterschiedlichste Argumentationsansätze zu finden. Gleichwohl lassen sich diese in drei Hauptansätze zusammenfassen.
C.1.1. Der “eisegetische” (d.h. der hinein-interpretierende) Ansatz
Ein maßgeblicher Teil der Befürworter der Homosexualität versucht, die Homosexualität anhand der Bibel zu begründen. Dabei werden gewaltige Anstrengungen unternommen, um in verschiedene Bibelstellen eine positive Haltung zur Homosexualität hineinzuinterpretieren, um so das eigene Verhalten rechtfertigen zu können. (…)
C.1.2. Der exegetische Ansatz
Dieser Ansatz ist bei weitem ernster zu nehmen, als der eben erwähnte. Er verschweigt nicht, daß mehrere Bibelstellen eindeutig die Homosexualität ablehnen, und setzt sich mit ihnen auseinander. (…)
C.1.3. Der situationsethische Ansatz
Im Gegensatz zur Ordnungsethik, die die Gültigkeit der biblischen Gebote betont und sie als Maßstab nimmt, um zu beurteilen, was richtig und falsch ist, setzt die Situationsethik einen neuen Schwerpunkt. Nicht mehr die Gebote Gottes stehen im Mittelpunkt, sondern die Liebe, die “die Erfüllung des Gesetzes” (Mt 22,40; Röm 13,10) ist. Nichts, was aus Liebe zu Gott und zu dem Nächsten geschieht, kann nach diesem Ansatz falsch sein, die Liebe kann sich auch über Gebote hinwegsetzen.“
Hier bezeichnet A. zunächst zwei unterschiedliche Vorgehensweisen oder zwei Weisen des Umgangs mit der Bibel als Norm; im Fall C. ist mit A. etwas anderes gemeint: der Verzicht auf die Bibel als letzte Norm des Richtigen, die Wahl einer anderen letzten Norm.

6. „Die intensive Arbeit mit der Vergangenheit bemängelt Joseph Quack in den Frankfurter Heften vom Februar 1980. Vesper versuche in seiner „sozialkritischen Beleuchtung einer Vorstadt“ von vergangenen Geschichten auf das Heute zu schließen, wobei ihm der Bogen nicht so ganz gelänge. Von heute wüsste Vesper leider nichts zu erzählen. Die Wirkung des Buches werde nur durch die Ungeheuerlichkeit der Erzählungen erreicht.
Dieser Meinung stellt Heinz Ludwig Arnold in seinem Zeit-Artikel vom 16.11.1979 einen anderen Argumentationsansatz entgegen. Seiner Meinung nach wird das „Bild von heute“ in diesem „außergewöhnlichen Buch“ durch „eingeschobene Bilder der Vergangenheit“ ergänzt und verständlicher zur Geltung gebracht. Hierdurch könne Vesper die „eigene Geschichte und Erfahrung in Vergangenheit und Gegenwart im Kopf zeigen“. Der besondere Reiz dieses Buches bestehe darin, dass Vesper den von ihm erlebten Teil der Geschichte darstelle und ihn mit gegenwärtigen Erfahrungen und Erlebnissen verknüpfe.“
Hier bezeichnet A. die Lesart und die damit verbundene Bewertung eines Buches.

7. „Die Ausbeute der bekannten Erdölreserven ist zeitlich begrenzt. Darum müssen alternative Kraftstoffe wie z.B. Autogas, Erdgas, Biodiesel, Wasserstoff usw. gefördert werden.
Mit jeder Umrüstung von KFZ auf Autogas kann der globale Benzinverbrauch reduziert werden.
Ein Argument das Propan/Butan kann auch zu Heizzecken genutzt werden ist nur bedingt richtig und daher zu vordergründig, denn es gibt andere alternative Heizquellen die nicht für den Antrieb von Kraftfahrzeugen geeignet sind. Auch die Argumentation Erdgas hat einen 9% geringeren CO2 Ausstoß als Autogas ist der verkehrte Argumentationsansatz im Sinne der Ökologie.
Die Argumentation kann folgerichtig nur heißen, für jede Autogasaufrüstung in Pkws mit Ottomotoren, insbesondere bei Gebrauchtfahrzeugen, wird der Ausstoß an CO2 um 16% verringert. Durch das höhere Gesamtgewicht bei Fahrzeugen mit CNG gegenüber LPG-Fahrzeugen und dem daraus resultierenden Mehrverbrauch, relativiert sich der CO2 Vorteil von Erdgas gegenüber Autogas.“
Hier heißt A. so viel wie Argument oder Argumentation.

8. „In dem, der Süddeutschen Zeitung (S.34) vom 10.10.1988 entnommenen Auszug seiner Rede „Am Rande des Friedens“, die er erstmals bei der Überreichung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche hielt, thematisiert Siegfried Lenz die Rolle der Literatur im Friedensgestaltungsprozess.
Die normative Behauptung, in welcher einem jeden Kompetenz bezüglich des Friedens zugesprochen wird, dient als Argumentationsansatz. (…)
Die in seinem Argumentationsansatz zuvor schon aufgestellte Behauptung, erhält am Anfang seiner Rede nähere Ausführung. Hierbei führt Lenz das normative Argument „Jeder hat einen Traum, jeder ist betroffen [.]“ (Z.2) an, welches ihn, eingeleitet durch den darauffolgenden Doppelpunkt (Z.2), zum vorersten Fazit führt.“
Hier ist A. gleichbedeutend mit Prämisse, Ausgangspunkt.

9. „Die Netznutzungsentgelte sind zu hoch,
wir brauchen eine Regulierungsbehörde.
Die Messpreise/Verrechnungspreise sind zu hoch,
wir brauchen die Liberalisierung dieses Segments.
Woher kommt der unterschiedliche Argumentationsansatz?
Hier bedeutet A. Argumentation oder Sicht der Lage.

Auswertung
Wenn man Gedankengänge konsequent in der Wegmetapher denkt, ist das Verständnis des Ausgangspunktes wichtig; logisch könnte man von der Prämisse eines Argumentes sprechen.

Vom „Argumentationsansatz“ wird häufig polemisch gesprochen: „Dein Argumentationsansatz ist falsch; du schaust oder gehst in die falsche Richtung [statt dass dir nur ein sachlicher Irrtum oder ein logischer Fehler unterliefe].“
In den untersuchten Beispielen zeigt sich, wie unscharf der Begriff „Argumentationsansatz“ gebraucht wird; man darf in Aufgabenstellungen (beim Abitur) meines Erachtens nur von Argumentationsansatz sprechen, um Schüler daran zu hindern, den vorliegenden Text mit eigenen Worten zu reproduzieren oder ihn hilflos zu paraphrasieren. Der Gebrauch des Begriffs ist eine Aufforderung: „Sage uns genau, wie der Autor des Textes argumentiert!“
Das heißt aber nicht, dass bei jedem Text inhaltlich exakt ein Argumentationsansatz bestimmt werden könnte. [Mein Arbeitsblatt „Analyse theoretischer Texte“ in der Kategorie „Methodisches“ in diesem Blog ist wesentlich genauer als die kultusministerielle Aufgabenstellung - aber das ist eine andere Frage.]

Möglicherweise ist der Begriff “Argumentationsstrategie” klarer bestimmt; das wird im nächsten Aufsatz untersucht.

P.S. Inzwischen habe ich ein schönes Beispiel zur Demonstration, was ein Argumentationsansatz und Kritik eines Demonstrationsansatzes ist, in einem Aufsatz von mirgefunden: Wenn man etwas zur Reform der Schule sagt, muss man davonausgehen, dass Schule eine Institution ist, welche durch die Figurationvon Menschen bestimmt wird. Wenn dagegen Lisa Rosa von der Existenz derneuen Medien ausgeht und meint, mittels Einsatz der neuen Medien dieSchule reformieren (oder überflüssig machen) zu können, dann ist dasein falscher Argumentationsansatz; das habe ich durch den Vergleichbzw. die Analogie mit der Institution Krankenhaus zeigen wollen [und auch gezeigt, denke ich]. 14. Juni 2009

Beispiel:

An Heinz Budes Aufsatz “Eine Frage der Weltsicht” (SZ, 14. Sept. 2009) kann man schön zeigen, was ein Argumentationsansatz ist (bzw. was man zu Recht so nennen könnte):

Bude greift auf ein Buch des Franzosen Dubet zurück, der untersucht hat, was am Arbeitsplatz als Ungerechtigkeit empfunden wird. Aus Dubets Untersuchung lassen sich drei Prinzipien der Gerechtigkeit herausfiltern: Verdienst nach Leistung bezahlen, Regeln der Gleichheit beachten, Autonomie in Dienstverhältnissen bewahren. Bude geht nun davon aus, dass Gerechtigkeit ein wichtiges Thema bei der Wahl ist, und erklärt, worauf die Parteien achten müssen, wenn sie hier nichts falsch machen (und die Wahl deswegen verlieren) wollen. Zu Budes Überlegungen habe ich kurz Stellung genommen (http://also.kulando.de/post/2009/09/16/gerechtigkeit-bei-der-wahl); hier soll es jedoch darum gehen, was sein Argumentationsansatz ist:
1. Bude geht davon aus, dass mit Dubets drei Prinzipien “Gerechtigkeit am Arbeitsplatz” zutreffend erfasst wird. 2. Er geht davon aus, dass man diese drei Prinzipien aus der Arbeitswelt auf die politische Forderung nach Gerechtigkeit übertragen kann. – Auf dieser Basis beruhen dann seine Ratschläge an die Parteien, wobei er zusätzlich (3.) davon ausgeht, dass “Gerechtigkeit” ein wahlentscheidendes Thema ist.

Was bedeutet nun “Argumentationsansatz”? Es ist die Basis der Argumentation. Oder zu Deutsch: Wenn man eine der drei genannten Prämissen ernsthaft bezweifeln kann, braucht man sich mit der Argumentation im Einzelnen nicht mehr zu befassen; sie ist dann erledigt. [Ich gebrauche dafür gern ein Bild: Wenn man die Wurzeln eines Baumes abhackt, braucht man sich nicht mehr über die Länge der Zweige zu streiten.] Meine (sprach)kritischen Überlegungen wären überflüssig, wenn man zum Beispiel nachweisen könnte, dass die Arbeitswelt ein Bereich für sich ist und von der Politik getrennt werden muss (2. Prämisse).
Man kann meine Kritik in der Tat dahin verstehen, dass politische Verhältnisse nicht mit Dienstverhältnissen in der Arbeitswelt verglichen werden können – damit würde ich zumindest beim dritten Prinzip die 2. Prämisse Budes bestreiten; das wäre dann keine Einzelkritik, sondern eine grundsätzliche Kritik an seinen Überlegungen, die auf eine Einschränkung des Geltungsbereichs der ganzen Argumentation hinausläuft: eine ganze Wurzel abgehackt, der Baum steht nicht mehr so fest, wie es scheint.

Zur Untersuchung bzw. Unterscheidung von Argumentationsansatz und Argumentationsstrategie vgl. meine Analysen zu

Prantl / Böckenförde: Interview über das Kopftuchverbot

Hubert Markl: Lernziel Mitmensch

K. Adenauer: Regierungserklärung vom 18. August 1961

Rede Willy Brandts zum Moskauer Vertrag 1970

Otto Wels: Rede vom 23. März 1933

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