Gedichte analysieren – Methode der Gedichtanalyse

Aufgabe bei der Gedichtanalyse ist es, das Gedicht als sinnvolles Klanggebilde zu beschreiben – es genügt nicht, den Inhalt zu reproduzieren und dazu sinn-lose Formelemente zu benennen; es ist vielmehr zu erklären, welche „Bedeutung“ du im Gedicht wahrnimmst. Du sollst das Gedicht als ganzes zur Kenntnis nehmen und mehrmals laut lesen, ehe du dich mit Einzelheiten befasst:

1. vom Sprecher her:
a) Situation: Wer spricht (wann, wo) zu wem über welches Thema?
b) Perspektive: Ich-Perspektive (Modalität? Betroffenheit des Sprechers?) oder Sicht eines Unbeteiligten? Wechsel der Perspektive?
Hat der Sprecher eine zeitliche Distanz vom Geschehen?
c) Sprechweise: der Rhythmus des Gedichtes, also
— Metrum und Taktstörungen (Betonung bestimmter Worte);
— die Pausen;
— innere Gliederung der Sätze;
— das Tempo (neue Gliederung eines Satzes durch Zeilenschnitt;
Kadenzen; zeilen- oder strophenübergreifendes Sprechen);
d) Sprechakt(e): beschreiben, bitten, anklagen, reflektieren, erzählen, inneres Gespräch führen… [-> Wortfeld „sprechen“!]

2. vom Aufbau des Textes her:
a) die Gedichtform: Strophen-, Reim-, Taktform;
b) Aufbau des im Text präsenten Sprachgeschehens (vom Sprecher her); gegliedert wird zum Beispiel durch Abwandlung des Themas, der Stimmung des Sprechers, des Adressaten (auf Pronomina und Anreden achten!), des Sprechaktes (manchmal Tempus- oder Moduswechsel) sowie durch chronologische oder kausale Zuordnung der einen Äußerung zur anderen.
Zum elementaren Verständnis des Aufbaus eines Gedichts (“das Gedicht als kommunikatives Geschehen zwischen Sprecher und Hörer”) findest du den Aufsatz http://norberto42.kulando.de/post/2006/12/25/zuerst

3. von der Bildlichkeit her:
Welche größeren Bilder gebraucht der Sprecher? Was tragen sie zur Eigenart und Bedeutung des Textes bei? (Vgl. dazu die Aufsätze
https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/bildhaftes-sprechen-formen-und-eigenart/ und http://www.bloghof.net/norberto42/trackbacks/show.htm?entryId=1jq6gxmgcal5w)

4. Wenn man das Gedicht als Klanggebilde sieht (hört!), muss man auch dem Rhythmus eine zentrale Bedeutung beimessen – aus praktischen Gründen sehe ich hier davon ab, weil das im sogenannten Unterricht meistens zu weit ab führte (und kaum ein Schüler ein Gedicht sinnvoll laut sprechen kann).

Danach kann man sich Einzelheiten zuwenden und sie im Rahmen des Ganzen erklären – also erklären, was sie zur Bedeutung beitragen, zum Beispiel
– die Sprachebene und Satzbau;
– Lautung (Klangfarbe; Lautmalerei) und Reime;
– Spiel mit der Erwartung des Lesers: traditionell – originell;
– rhetorische Figuren (die wichtigsten sind Wiederholung, Vergleich, Metapher, Kontrast). (In gewisser Weise sind aber diese Einzelheiten bereits in den drei erstgenannten Aspekten enthalten; ja, diese drei Aspekte sind nur sich überschneidende Aspekte des Betrachtens, nicht des Gedichts selbst!)

Oft ist die „ursprüngliche“ Bedeutung von Texten nicht klar festzustellen; man muss auch zwischen möglicher „Aussageabsicht“ [obwohl die bei fiktionalen Texten ja relativiert ist, weil der Autor sich hinter einem fiktiven Sprecher verbirgt!], dem (vermuteten? erforschten?) Verständnis der ersten Leser und dem eigenen unterscheiden!
Schwankungen im eigenen Verständnis eines Textes kann man darlegen. Ob ein Gedicht einem persönlich etwas sagt, muss hier zurücktreten – dies gehört in den „Schluss“ der Analyse.
Überlegungen dazu, wie Menschen „normalerweise“ denken und handeln, dürfen nicht dazu führen, dass man den Text nicht ernst nimmt; dass der Sprecher vom „Normalen“ abweicht, kann zur Strategie des Autors gehören.

Die entscheidenden Fehler in den Gedichtanalysen meiner Schüler sind leicht zu identifizieren:
dass man nicht vom Sprecher, seiner Situation und seiner Perspektive ausgeht, sondern vom Inhalt;
dass man nicht sieht oder sagen kann, was der Sprecher in seinem Sprechen tut, sondern bloß “sagen” abwandelt (er bringt zum Ausdruck, er meint…);
dass man nicht sieht, wie er spricht (in dem, wovon er spricht), sondern rhetorische Mittel, Pausen, Metrum und Reimformen usw. sucht;
– teilweise auch, dass nicht richtig zitiert wird (s. “Zitiertechnik” hier in der Kategorie “Arbeitstechniken”).

Beispiele (zu Goethe: Maifest):

1. “Das ganze Gedicht besteht fast nur aus Enjambements, die das Tempo des Lesens beschleunigen und zum Sprechfluss beitragen. Dadurch wird auch die Euphorie des Sprechers unterstützt.” NEIN, die Euphorie des Sprechers äußert sich in dem Tempo, mit dem er beinahe ohne Unterbrechung redet; das nennen wir dann, wenn es gedruckt ist, Enjambements.

2. “Es gibt das Wortfeld des Lichtglanzes, aus dem Ausdrücke gewählt werden, um den Eindrücken des lyrischen Ichs Ausdruck zu verleihen.” NEIN, das lyrische Ich spricht jubelnd von allen Dingen, von denen es angestrahlt wird.

Auswertung: Es gibt zwei Logiken, die Logik des Erkennens und die Logik des Geschehens. Beim Erkennen gehe ich davon aus, dass ich Enjambements vorfinde; daraus schließe ich, dass das lyrische Ich schnell spricht und wohl erregt sein muss [ist]. In der Logik der Geschehens ist es dagegen so, dass das lyrische Ich erregt ist und deshalb so schnell spricht, also Enjambements fabriziert. – Beim zweiten Beispiel wird auch noch der Autor als fabrizierende Größe gedacht, der Ausdrücke auswählt; das lyrische Ich wählt keine Ausdrücke aus Wortfeldern, sondern spricht von dem ganzen Glanz der Welt; ich erkenne das als Wortfeld. Der analytische Begriff Wortfeld ist ein Begriff meines Erkennens, ebenso wie der des Enjambements; will ich die Phänomene verstehen, muss ich auf den Sprecher (hier das lyrische Ich) zurückgehen und dieses in seiner Gestimmtheit als die sprachlich handelnde Größe begreifen.

Problem des Verstehens, zweites Beispiel: “Ein zärtlich jugendlicher Kummer” (Goethe)
Es geht offensichtlich darum, die drei Strophen als eine Einheit und in ihrer Einheit zu begreifen. Dazu machen Schüler folgende Vorschläge:
* Es wird der Übergang vom Winter zum Frühling beschrieben; die Einheit ist eine solche des Geschehens (Wechsel der Jahreszeiten);
* es wird beschrieben, wie der Jugendliche zum Jüngling und später zum arbeitenden Mann wird (oder das lyrische Ich als Mädchen und Frau); die Einheit wäre eine solche der Figuren und ihrer Entwicklung;
* der Autor Goethe setzt verschiedene Mittel ein, um irgendwelche Wirkungen zu erzielen; die Einheit wäre die eines vom Autor angefertigten Gedichts;
* es wird darauf verzichtet, eine Einheit zu finden; das äußert sich als Versuch, irgendwelche fröhlichen oder traurigen Wörter (!) oder Strophen zu finden bzw. irgendwo irgendwelche Stimmungen (ohne Träger der Stimmung – am einfachsten also: Stimmung in dieser Strophe) zu beschreiben – das ist der hilfloseste aller vorgestellten Versuche.
* Ich vertrete dagen die Auffassung, dass die Einheit eines Gedichtes vom Sprecher her gedacht (verstanden) werden muss: Das lyrische Ich (Sprecher) geht am Morgen durchs Feld, sieht seinen eigenen Kummer in der Natur gespiegelt, spricht mit oder zu sich selbst; dann blickt es voraus in den Mai, um zu begreifen, wieso die Natur “hoffnungsvoller” als sein eigenes Herz ist. Dabei wird es selber in seiner Gestimmtheit von dem Aufbruch des Neuen, den es da vor sich sieht, ergriffen, wie sich in der letzten Strophe zeigt: Es preist einen Mann, den es im Feld Ende März arbeiten sieht, weil der trotz der ganz unfrühlinghaften Witterung (V. 26 ff.) mit der Feldarbeit begonnen hat und so zeigt, dass seine Seele “voll von Ernteträumen” ist, dass also auch er von Hoffnung erfüllt ist.

Neben den üblichen literaturwissenschaftlichen Wörterbüchern (Metzler Literatur Lexikon, Schülerduden „Die Literatur“) sind gut
Braak, Ivo: Poetik in Stichworten. 7. Aufl. 1990
Müller, Hartmut: Training Gedichtinterpretation, Klett (3. Aufl. 1993)
Werner Riedel / Lothar Wiese: Klausur- und Abiturtraining. Deutsch 4. Einführung in die Lyrik. Aulis Verlag 1995

http://www.thomasgransow.de -> dort unter ‚Methodikunterricht‘
http://www.gereimt.de (Stilmittel)
http://www.3b-infotainment.de/unterricht/analyse2.htm
http://www.biblint.de/nachschlagewerke.html, dort -> Sprach- und Literaturwissenschaften -> Basislexikon: http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html

Verslehre:
http://www.freund-lbo.de/p05/Verslehre2.htm
http://www.uni-due.de/buenting/02StilLaut_Normalschrift.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Verslehre
http://www.german.sbc.edu/Verslehre.html

Rhetorische Figuren:
http://norberto42.kulando.de/post/2006/09/17/rhetorische_figuren
http://www.magic-point.net/fingerzeig/literaturgattungen/grundlagen_literatur/grundlagen_literatur.html
Eine wirklich schöne Übersicht der Stilmittel und rhetor. Figuren mit Beispielen findet man unter http://www.joachimschmid.ch/docs/DMtStilmitt.pdf

Bildhafte Sprache:
http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/03/bildhaftes_sprechen_-_formen_und_eigenart
http://norberto42.kulando.de/post/2006/10/31/sprachbilder_metaphorik_kommentierte_links
http://www.uni-due.de/buenting/04Bildhafte%20Sprache.html
http://www.metaphorik.de/Semantikportal/index.htm

Weitere literaturwissenschaftliche Lexika:
http://www.uni-duisburg-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/einladung.htm
http://www.grundwissen-literaturwissenschaft.de/definitionsansicht/ligostart.html (dort „Lyrikanalyse“ und „Rhetorik/Stilistik“)
http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/einfuehrungsvorlesungen/2002/Lyrik.pdf
http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/hilfsmittel/glossar.asp
http://www.uni-duisburg-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/poetik/main.html
Eine Linksammlung der chat-Nachhilfe (Sammlung mehr oder weniger gut durchdachter Tipps und Hinweise): http://www.anthologie.de/schule.htm

Beispiele für verschiedene analytische Schwerpunkte findest du in meinen Analysen (http://logos.kulando.de -> “Gedichte”):
zum Aufbau -> Goethe: Prometheus; Claudius, Tucholsky;
zur Gesprächssituation -> Nietzsche: Vereinsamt;
zum Rhythmus -> Claudius, Kästner, Tucholsky;
zur bildhaften Sprechweise -> Uhland: Einkehr; Steffen: Elsa; vgl. auch http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/03/bilder_verstehen_zu_heym_ophelia
http://norberto42.kulando.de/post/2006/09/17/analyse_bildhaften_sprechens_
zu Metaphern -> Goethe: Seefahrt; Heym: Die Tote im Wasser;
Steffen: Elsa;
zu Reimen -> Gryphius: Es ist alles eitell; Hesse: Im Nebel.

Hervorragende Hinweise zum Verständnis von Klang und Rhythmus eines Gedichtes findet man in der Vorlesung “Praktische Stilistik” von Prof. Buenting:
http://www.uni-due.de/buenting/downloads_stil.htm, dort 02 “Laut- und Normalschrift”;
„5. Strophen“ muss dort allerdings „4.3 Strophen“ heißen,
„6. Gedichtformen“ muss „4.4 Gedichtformen“ heißen;
unter „Verse“ dann „5.1 Vorbemerkungen“ (statt „5.2 Vorbemerkungen“)! Vgl. dazu hier!

vgl. auch diesen Aufsatz zur Intonation von Sätzen!

In der Interpretation kommt es darauf an, diese Ergebnisse der Analyse auf den Autor, auf seine sonstigen Werke, auf die Epoche und die literarische Tradition (und ihre Formen und Themen) zu beziehen. (1.01.07)

P.S. Eben habe ich auf 3sat einen Film über die Arbeit der Profiler gesehen, die kriminalistische Fallanalysen erstellen. Mir ist aufgefallen, wie stark die kriminalistische Analyse der Gedichtanalyse gleicht. Mein Tipp: Schaut einmal unter den beiden Stichworten (gleichzeitig) “Fallanalyse Täterprofil” [oder "operative Fallanalyse"] im Internet nach und achtet auf die Methode des Analysierens – dabei könnt ihr in einem vermutlich interessanten Bereich viel für die Gedichtanalyse lernen!
(24. Juni 007) – Links aktualisiert am 28.12.08, dem Tag der Unschuldigen Kinder!

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